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Beiträgen zum Bedeutungszusammenhang einer Dimension
– zeigen, wie der Lebens-
beruf sowohl durch positiven Bezug darauf als auch durch Abgrenzung davon und
Gegenüberstellung mit anderen Arten des Musizierens konstruiert wurde.
Sich positiv auf den Lebensberuf zu beziehen, setzte voraus, keine anderen
Arbeits- oder Unterhaltstätigkeiten auszuüben. Die Berufsbiografie des Musizie-
rens wurde nicht durch andere, berufsfremde Tätigkeiten unterbrochen, sondern
blieb lückenlos. Wer andere Tätigkeiten ausübte, geriet in den Verdacht, ‚eigent-
lich‘ kein/keine MusikerIn, sondern eben SchusterIn, GastwirtIn, Beamter/Beam-
tin (um nur die gängigsten Berufe zu erwähnen) zu sein, der/die daneben etwas
musizierte. Im Lebensberuf ging das Angewiesensein auf den mit Musizieren ver-
dienten Unterhalt einher mit der persönlichen Bindung an diesen Beruf.44 Schon
das Absolvieren einer anderen Berufsausbildung schien fragwürdig: Ausbildung
wurde weithin als erster Schritt in einen Beruf hinein gesehen, die Zugehörigkeit
zu diesem bereits durch sie begründet. Ein Wechsel der Tätigkeit direkt nach der
Ausbildung wurde zwar immer noch als weniger problematisch gesehen als nach
jahrelangem Erwerb in einem Beruf, die Praktiken des Lebensberufes zielten aber
daraufhin ab, die Einheit von Ausbildung und Erwerbstätigkeit zu ermöglichen
und auch vorzuschreiben: „Auf alle Fälle ist […] für […] die Eltern wie für die
der Schule entwachsenen Kinder die schwere und verantwortungsvolle Aufgabe
entstanden, sich beizeiten für eine Berufswahl des Kindes zu entscheiden.“ 45 Von
den Problemen bei der praktischen Umsetzung dieser Konzeption zeugen etwa
die Schriften der in der Berufsberatung Tätigen.46 Die Erzählenden mit stark
positivem Bezug auf den Lebensberuf setzten ihn in dieser Hinsicht erfolgreich
um: Sie trafen durch ihre Ausbildung die Wahl für den Beruf des Musizierens
und blieben dann dabei.
In starkem Kontrast dazu stand die Strukturierung der anderen Erzählungen
durch andere Unterhaltstätigkeiten.47 Diese anderen Tätigkeiten teilten die Lebens-
zeit ein (etwa in Kindheit, Lehrjahre und „richtiges“ Ausüben einer Erwerbstätig-
keit). Auch jene, die keinen anderen Lebensberuf vorweisen konnten, sondern viele
unterschied liche Unterhaltstätigkeiten aneinanderreihten, strukturierten ihre Erzäh-
lung über diese, etwa durch die Einteilung in Kapitel, die mit der Beschreibung dieser
44 Diese persönliche Bindung an den eigenen Beruf, die durchaus moralisch besetzt war, wurde
auch explizit eingefordert: „Es wäre daher im Interesse des Berufsartisten angezeigt, bei der
Aufnahme neuer Artisten wohl genau zu prüfen, wer es mit diesem, dem Artistenberuf ehr-
lich meint, nicht etwa diesen Beruf als Deckmantel ausnützt.“ (Die Varieté-
Welt (1923), Nr.
3,
1 – 2, hier 2).
45 Hauck, Berufsberatung, 5 f.
46 Vgl. etwa Ders., 6 f.
47 Dieser Aspekt wird in der zweiten Dimension durch die Modalität Thema Unterhalt dargestellt.
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Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Title
- Über die Produktion von Tönen
- Subtitle
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Author
- Georg Schinko
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Size
- 15.5 x 23.5 cm
- Pages
- 310
- Keywords
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Category
- Kunst und Kultur