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Die Ressourcen des Herkunftshaushalts und die Erwartungshaltungen des sozialen
Umfelds (vor allem der Eltern und Verwandten) an die zukünftigen Unterhalte bzw.
Berufe der Protagonist/innen prägten so die Orientierungen der Protagonist/innen. Bot
der Herkunftshaushalt diesen eine (finanzielle) Unterstützung in der Zeit der Ausbil-
dung und bei der Arbeitssuche, konnten sie längere Berufsausbildungen anstreben, die
mit einem späteren Verdienst einhergingen und den Zugang zu prestigeträchtigeren
Berufen eröffneten.57
Die Erzählungen mit positiven Bezugnahmen auf Beruf beschrieben demgemäß
keine Notwendigkeit, die musikalische Ausbildung oder das Musizieren zugunsten
anderer Unterhaltstätigkeiten aufzugeben. Aufforderungen, schon früh den eigenen
Lebensunterhalt zu verdienen,58 fehlen hier. In den Erzählungen mit negativem
Bezug auf Beruf hingegen war die Thematisierung materiellen Mangels präsent:
die Bezeichnung als arbeitslos, die Beschreibung von Mangelerfahrungen als Kind,
das Heranziehen von Fürsorgeleistungen bzw. Sozialleistungen zum Bestreiten des
Lebensunterhaltes oder die Beschreibung der Familie in Kategorien der Armut.
All diese Aspekte können als Begründung der Schwierigkeit verstanden werden,
Musizieren zum Beruf zu machen. Die Erzählenden mochten sich ihren Unter-
halt durch Gelegenheitsarbeiten verdienen oder einen anderen, weniger vorausset-
zungsvollen Beruf anstreben, der Beruf des Musizierens blieb schwer zu realisieren.
Sich „aus Liebe und Begeisterung“ oder auch „der Eitelkeit der Eltern zuliebe“ 59 für
eine Musikerlaufbahn zu entscheiden, wie es dem Musikerverband zufolge üblich
war, setzte ein zumindest auf absehbare Zeit gesichertes Einkommen und das Ein-
verständnis der Familie voraus – auf dem Lande, wo bezahlte Musiziergelegen-
heiten rar waren, noch mehr als in der Stadt. Die Auffassung, dass Musizieren als
Beruf eine Unmöglichkeit darstellte, findet sich in jenen Erzählungen, in denen es
durch Strukturierung oder Kontextualisierung klar vom ‚eigentlichen‘ Erwerb bzw.
Beruf getrennt wurde. Gelegentlich wurde es auch expliziert, wenn etwa Heinrich
Krupitschka erzählte:
Von meinen Geschwistern hatte nur ich von Anfang an das Verlangen, ständig zu musi-
zieren. [Ein Geigenlehrer] sagte mir am Ende des Ersten Weltkrieges, als ich gerade
15 Jahre alt geworden war: ‚Ich kann dir nichts mehr beibringen. Du gehörst auf’s Kon-
servatorium!“. Aber das blieb für mich immer nur ein Traum. Musikalisches Interesse
war wohl in meiner Familie vorhanden, aber eine Laufbahn als Musiker konnte man
57 Vana, Gebrauchsweisen, 403.
58 Dieser Aspekt wird durch die Modalität kein Unterhalt unter 15 Jahren dargestellt.
59 Österreichische Musiker- Zeitung (1929), Nr. 23, 121 – 122, hier 121.
Der Lebensberuf als kontinuierliches und ausschließliches Musizieren 157
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Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Title
- Über die Produktion von Tönen
- Subtitle
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Author
- Georg Schinko
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Size
- 15.5 x 23.5 cm
- Pages
- 310
- Keywords
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Category
- Kunst und Kultur