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sich nicht vorstellen. […] Mein Wunsch nach einer dauernden musikalischen Tätigkeit
widersprach allerdings unseren Traditionen, wonach der Erstgeborene das Geschäft des
Vaters zu übernehmen hatte.60
Die Unterstützung durch die Familie konnte also für die positive oder negative
Bezugnahme des Musizierens auf Beruf große Bedeutung erlangen. Nicht nur
andere Unterhaltstätigkeiten wurden für die Konstruktion der Berufsbiografie
weggelassen. Auch andere Aspekte des eigenen Lebens, die als für den Lebens-
beruf uninteressant galten, fehlten in den Erzählungen mit positivem Bezug auf
Beruf. Beschreibungen eigener Freizeitaktivitäten fanden ebenso wenig Platz wie
Beschreibungen der familiären Situation 61 oder der eigenen (nicht- musikalischen)
Ausbildung. Diese Nichterwähnungen spielten eine wichtige Rolle für den positi-
ven Bezug auf den Lebensberuf. Der Lebensberuf, wie er zu seiner Zeit verstanden
wurde, setzte zwar nicht das Fehlen von Freizeit oder familiären Bindungen voraus.
Von diesen nicht zu erzählen, stärkte allerdings die (wahrgenommene) Bedeutung
des erzählten Musizierens – bis zu einem Punkt, wo dieses nicht mehr als bloße
Abfolge von Unterhaltstätigkeiten wahrgenommen wurde, sondern als Beruf. Diese
Wahrnehmung basierte wiederum darauf, dass es bereits Vorbilder dafür gab, wie
eine Berufsbiografie aussah und was sie beinhalten musste. Hier muss noch ein-
mal darauf hingewiesen werden, dass
– in der Perspektive von Erzählen als sozialer
Praktik – die Form der Erzählung einen wesentlichen Aspekt der Positionierung
im Hinblick auf Institutionen des Musizierens darstellte. Wurde die Beschreibung
der Unterhaltstätigkeiten durch Beschreibungen des Freizeit- und Familienlebens
unterbrochen, dann war die Erzählung nicht mehr klar als Berufsbiografie erkenn-
bar. Dasselbe galt für das Weglassen von Fotos oder persönlichen Dokumenten in
der Erzählung. Diese wurden oftmals verwendet, um außerberufliche Ereignisse
(wie Geburten, Hochzeiten, Mitgliedschaft in Gruppen etc.) zu dokumentieren –
alles Themen, die nicht in eine Berufsbiografie passten. Eine Erzählung ohne Titel
und ohne Fotos oder Dokumente, in der Freizeit oder Familie ausgespart blieben,
beanspruchte nicht die Darstellung eines Lebens in all seinen Facetten, wie es etwa
sich negativ auf den Lebensberuf beziehende Erzählungen taten („Skizzen aus dem
Leben“, „Meine Lebenserinnerungen“). Die unbetitelte und auf das Musizieren
fokussierte Berufsbiografie versprach nicht mehr und nicht weniger als eine Auf-
zählung
– nicht einmal unbedingt eine Beschreibung
– all jener musikalischen Sta-
tionen, die zusammen den Lebensberuf des Musizierens bildeten. Dementsprechend
60 Deutsch (Hg.), Geiger- Heini, 12.
61 Dieser Aspekt wird durch die Modalitäten keine Angabe von Geschwistern und keine Angabe
von Tätigkeiten des Vaters dargestellt.
Open Access © 2019 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO. KG, WIEN KÖLN WEIMAR
Einen Lebensberuf
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Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Title
- Über die Produktion von Tönen
- Subtitle
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Author
- Georg Schinko
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Size
- 15.5 x 23.5 cm
- Pages
- 310
- Keywords
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Category
- Kunst und Kultur