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waren die Berufsbiografien auch kürzer gefasst 62 als die Erzählungen der dominierten
Seite. In Nicht- Berufsbiografien erschien Musizieren daher eingebettet in andere
Lebensaspekte der/des Erzählenden (wie Familie oder Freizeit), anstatt von ihnen
getrennt zu werden. Musizieren stellte oftmals eine Episode in ihrem Leben dar,
einen zeitlich begrenzten Abschnitt, der durch andere lebensgeschichtliche Ereig-
nisse und Gegebenheiten strukturiert wurde. So leitete etwa Josef Mayrhofer sein
Kapitel „Strassensänger“ – das auf Kapitel folgt, in denen Nicht- Musikalisches
berichtet wird – folgendermaßen ein:
1924 war in Innsbruck ein internationales Treffen der S. A. J. [Sozialistische Arbeiterjugend,
G. S.]. Ich war gerade mit der Fachschule fertig und da ich keine Aussicht auf Arbeit hatte
und natürlich auch kein Geld, gingen wir […] zu Fuß dort hin.63
Auf diese Art und Weise entwickelte sich die Erzählung hin zum Musizieren und
schloss mit: „Ich kaufte mir ein paar Schuhe und Sepp und Ich fuhren von Gmun-
den mit der Bahn heim.“ 64 Analog zu der Unterscheidung zwischen der Dominanz
des Musizierens und dessen Einbettung in andere Themen kann auch zwischen
zwei Erzählstilen unterschieden werden. Für Berufsbiografien war eine vollständige
Abbildung der (berufsrelevanten) musikalischen Stationen von Bedeutung, wie sie
etwa in der stichwortartigen Aufzählung Rudolf Kemeters realisiert wurde:
Kemeter, Rudolf; erlernter Beruf: Musiker, Polizeibeamter i. R., geboren am 3.
Juli 1890 in
Guntersdorf
[…] erhielt im Alter von 8
Jahren beim dortigen Regens Chori Oberlehrer J.
Kleckmaer Unterricht im Gesang u. Allgem. Musiklehre, war dann einige Jahre als Sänger-
knabe im dortigen Kirchenchor tätig. Den ersten Unterricht im Flöten- Klarinetten- u.
Geigenspiel sowie in Theorie erhielt ich von meinem Vater M. K. der selbst ein sehr guter
Musiker (ehem. Militärmusiker) war.65
Die Erzählung wurde hier als faktische Darstellung präsentiert: Wichtig war, was
wann passiert war (bzw. absolviert wurde). Für die Erzählungen der anderen Seite
war hingegen vor allem die Wiedergabe der erlebten Atmosphäre von Bedeutung.
Man vergleiche obige Beschreibung der musikalischen Ausbildung mit folgender:
62 Dieser Aspekt wird durch die Modalitäten Erzählung umfasst weniger als fünfzehn Seiten
(auf der dominanten Seite) bzw. Erzählung umfasst zwischen fünfzehn und achtzig Seiten
(auf der dominierten Seite) dargestellt.
63 Mayrhofer, Leben, ohne Seitenzahl (erste Seite des Kapitels „Strassensänger“).
64 Ders., ohne Seitenzahl (zweite Seite des Kapitels „Strassensänger“).
65 Kemeter, Lebensbeschreibung, 1.
Der Lebensberuf als kontinuierliches und ausschließliches Musizieren 159
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Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Title
- Über die Produktion von Tönen
- Subtitle
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Author
- Georg Schinko
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Size
- 15.5 x 23.5 cm
- Pages
- 310
- Keywords
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Category
- Kunst und Kultur