Page - 166 - in Über die Produktion von Tönen - Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
Image of the Page - 166 -
Text of the Page - 166 -
Lebensgeschichte zu verwenden. Fragen wie „Wie sind Sie zur Flöte gekommen?“ 84
und „Welches Repertoire haben Sie als Solist bevorzugt“ 85 förderten diese Möglichkeit.
In dem 1998 veröffentlichten Interview, das vier Seiten umfasst, fragte die Interviewerin
ausschließlich nach dem musikalischen Leben Wanauseks. Dabei schien sie vorauszu-
setzen, dass die Bedeutung seiner Person den LeserInnen der Zeitschrift bereits bekannt
war: So finden sich weder eine einleitende Vorstellung noch eine Begründung dafür,
dass gerade seine Lebensgeschichte zum Gegenstand eines Interviews gemacht wurde.
Kamillo Wanausek wurde 1906 in Wien geboren. Sein Vater war technischer
Beamter, seine Mutter Hausfrau. Er musizierte vor allem als Flötist in einer langen
Reihe von unterschiedlichen Kapellen und Orchestern, zuerst in Wien und später
weltweit. In Kamillo Wanauseks Erzählung kamen keine Hinweise auf andere Unter-
haltstätigkeiten vor. Der Verlauf seines Lebens wurde ausschließlich anhand seines
Musizierens dargestellt. Diese Ausschließlichkeit wurde allerdings nicht selbst zum
Thema der Erzählung (wie etwa in anderen Erzählungen: „ich war schon als Kind
sehr musikalisch“ etc.). Stattdessen wurden musikalische Ereignisse aneinanderge-
reiht, scheinbar einer natürlichen Logik entsprechend: „Also hat er mir eine Flöte
gekauft, so eine alte, braune, und ich habe selber angefangen, zu lernen. Und so ist
es weitergegangen.“ 86 Dieses So-
Weitergehen drückte die Normalität des musika-
lischen Verlaufs von Wanauseks Lebensgeschichte aus. Auch die Anfänge seines
erwerbsmäßigen Musizierens wurden als Notwendigkeit beschrieben:
Da war der Weltkrieg dazwischen, der erste, und mein Vater ist todkrank zurückgekom-
men, die Familie hat praktisch gehungert. Da ist mir nichts übriggeblieben, da war ich
damals schon dreizehn Jahre alt, da mußte ich spielen … Flöte spielen.87
Die Möglichkeit, Unterhalt durch andere Tätigkeiten zu verdienen, wurde nicht
einmal negiert. Wanausek schien, auch wenn er es nicht explizit formulierte, zum
Musiker geboren zu sein. Er begann, in Kino- und Kaffeehausmusiken zu spielen,
„und vor allem Kurorchester. Da bin ich mit der ‚besseren Musik‘ in Berührung
gekommen“.88 Es folgte eine Beschreibung des Spielens in Kinos, dann die Erwäh-
nung des Besuchs der Musikakademie („habe nur den ersten und den sechsten Jahr-
gang gemacht“ 89). Wanausek spielte in einem der Akademie zugehörigen Orchester,
84 Schläffer, Gespräch, 25.
85 Dies., 27.
86 Dies., 25.
87 Ebd.
88 Ebd.
89 Ebd.
Open Access © 2019 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO. KG, WIEN KÖLN WEIMAR
Einen Lebensberuf
haben166
back to the
book Über die Produktion von Tönen - Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938"
Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Title
- Über die Produktion von Tönen
- Subtitle
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Author
- Georg Schinko
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Size
- 15.5 x 23.5 cm
- Pages
- 310
- Keywords
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Category
- Kunst und Kultur