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7. DURCH MUSIK EIN FORTKOMMEN FINDEN
Die wichtigsten Orientierungen des Musizierens
Der systematische Vergleich lebensgeschichtlicher Erzählungen führte zu den in den
vorhergehenden Kapiteln besprochenen Dimensionen (sowie eine Vielzahl weniger
wichtiger Dimensionen, die aufgrund ihrer geringeren Bedeutung nicht besprochen
wurden). Bislang wurden die Bedeutungen der einzelnen Modalitäten (Variablen)
bzw. der einzelnen Beobachtungseinheiten (Erzählungen) nur in Bezug auf jeweils
eine dieser Dimensionen beschrieben. Im Folgenden werden deren Bedeutungen
gleichzeitig sowohl auf die erste als auch auf die zweite Dimension bezogen. Die
Kombination der ersten und der zweiten Dimension der multiplen Korrespondenz-
analyse ergibt eine Fläche, in der die Positionen der Modalitäten und Beobach-
tungseinheiten in Bezug auf die Referenzen der Kunst und des Berufes abgebildet
werden (siehe Abbildungen 21 bis 23). Wie die ersten beiden Dimensionen (bzw.
deren Hilfsgrafiken) muss auch diese Fläche erst interpretiert werden, um ihren
wichtigsten Kontrasten Bedeutungen zuordnen zu können. Die Fläche, um die es in
der Kombination der beiden Dimensionen geht, ist dabei nicht als einfache Addi-
tion der einzelnen Dimensionsbedeutungen zu verstehen (nach dem Schema Beruf
+ Kunst = Berufskunst), sondern als Synthese, in der die Praktiken des Erzählens
über Musizieren neue Bedeutung erhalten.1 Die primäre Fläche der beiden ersten
Dimensionen stellt unterschiedliche Relationen der Institutionen Kunst und Beruf
dar. Durch diese Relationen ergeben sich verschiedene Möglichkeiten, mit und
durch Musik ein Fortkommen zu finden. In ihr zeigt sich die Gegenüberstellung
kontrastierender Arten und Weisen, mit Musik im Lebensverlauf umzugehen, z. B.
durch Musizieren erhalten werden, Musik kontinuierlich ausüben, sie vorantreiben.
Die besten Annäherungen an diese kontrastierenden Formen des Musizierens stel-
len die ausgezeichneten Richtungen bzw. Orientierungen, d. h. die vom Nullpunkt
ausgehenden 45-Grad- Diagonalen, dar. Die legitimste Orientierung des Fortkom-
mens – auch als Dominanz bezeichnet – stellte das ernsthafte Studium der Musik
dar. Weniger legitim waren der populäre Erfolg (Prätention) und das Der- Musik-
treu- Bleiben (Skepsis). Über am wenigsten Legitimität verfügte die Orientierung des
Musizierens als Gelegenheit, die auch als Dominiertheit bezeichnet wird. Im Fol-
genden werden diese Orientierungen und ihre Beziehungen zueinander beschrieben.
1 „Von den eindimensionalen Analysen gelangt man so zu mehrdimensionalen Synthesen“
(Alexander Mejstrik, Kunstmarkt, 181).
Open Access © 2019 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO. KG, WIEN KÖLN WEIMAR
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Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Title
- Über die Produktion von Tönen
- Subtitle
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Author
- Georg Schinko
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Size
- 15.5 x 23.5 cm
- Pages
- 310
- Keywords
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Category
- Kunst und Kultur