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ernsthaften Studiums – in ironischer Distanz erzählt: „Ich spielte ein Konzert mit
einer Militärkapelle. Es war schrecklich.
[…] Sie sehen, ich fing wirklich ganz unten
an“,23 oder „So verdiente ich mein erstes Geld durch Geigenspiel
[…] Dank meiner
Leistungen wurde ich nie wieder engagiert“ 24. Dass man aber – nach anfänglichen
Schwierigkeiten
– überhaupt vom ernsthaften Studium der Musik leben konnte, war
auf die bereits erwähnten Entwicklungen – die Propagierung der Kunstmusik als
eigener Musizierform und die Professionalisierung und Ausweitung des Angebots
an Kunstmusik – zurückzuführen. Sich ausschließlich der Musik zu widmen, war
zuvor nur sehr wenigen möglich gewesen.
Ernsthaftes Studium fand unter expliziter Bezugnahme auf die Referenz der
Kunst statt. Die hier Erzählenden bezeichneten sich selbst als Künstler, betonten die
Rolle ihres KünstlerIn- Seins für die Erzählung 25 und berichteten vom Spielen von
Kunstmusik. Zwei wichtige Aspekte des Zusammenhangs von ernsthaftem Studium
und Kunst dürften die kontinuierliche Entwicklung (das „rastlose Weiterstreben“)
und die Perfektionierung der Musik selbst als letztes Ziel gewesen sein. Es ist auch
nicht zufällig, dass sich keine Modalitäten stark positiv auf das ernsthafte Studium
beziehen, die das Publikum des Musizierens thematisieren, denn ausschlaggebend für
Erfolg oder Misserfolg waren vor allem die Wahrnehmung des/der Musizierenden
selbst und die anderer künstlerisch Musizierender. Im Gegensatz dazu spielten die
Erwartungen des (lokalen) Publikums durchaus eine Rolle für die Bewertung des
Musizierens in Bereichen wie der Unterhaltungs- oder der Volksmusik (um diese
traditionellen Kategorien des Musizierens zu verwenden). Man vergleiche etwa fol-
gende Erzählpassagen über die eigenen Fähigkeiten (an erster Stelle jene eines ernst-
haft Studierenden, danach jene von Musizierenden mit anderen Orientierungen):
„Doch hatte mich die Art meiner Tätigkeit in letzter Zeit auch künstlerisch nicht mehr
befriedigt. Ich war der ewigen Virtuosenstücke überdrüssig;
[…] Meine Welt war Bach, war
die unendlich reiche Kammermusik, und so konnte mich eine Arbeit auf die Dauer nicht
befriedigen, die zu sehr auf gesellschaftlichen Erfolg eingestellt war.“ 26 „Der Durchbruch
war gelungen! Wir wußten, daß wir im Bezirk Voitsberg als durchaus ernstzunehmende
Musikkapelle registriert waren!“ 27
„Und so erreichte ich, was nur wenigen Anfängern vergönnt ist: In einem Variété von
der Größe und von der Bedeutung des Ronacher als Neuling auftreten zu dürfen. Die
23 Schnabel, Pianist, 54 f.
24 Grümmer, Begegnungen, 11.
25 Dieser Aspekt wird durch die Modalität Thema Kunst dargestellt.
26 Ders., 51 f.
27 Bergmann, Leben, 57.
Das ernsthafte Studium der Musik: Dominanz 183
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Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Title
- Über die Produktion von Tönen
- Subtitle
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Author
- Georg Schinko
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Size
- 15.5 x 23.5 cm
- Pages
- 310
- Keywords
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Category
- Kunst und Kultur