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7.1.1 Dominanz erzählen: Paul Grümmer wird ein ernsthafter Musiker
Die positive Bezugnahme auf das ernsthafte Studium fand über ein Ensemble von
Praktiken statt. Im Folgenden soll exemplarisch dafür die Lebensgeschichte des
deutschen Violoncellisten Paul Grümmer beschrieben werden.34 Diese nimmt unter
jenen Lebensgeschichten, die überdurchschnittlich gut durch die primäre Fläche
der Korrespondenzanalyse erklärt werden,35 die entlang der Orientierung des ernst-
haften Studiums am extremsten ausgerichtete Position ein (siehe Abbildung 23 zu
Beginn dieses Kapitels). Sie repräsentiert daher am besten die Erzählungen ernst-
haft Studierender, deren Erzählpraktiken
– in Abgrenzung oder Nachahmung
– als
Vorbild für anders positionierte Erzählungen dienten. Grümmers Erzählung wurde
1962 unter dem Titel „Begegnungen. Aus dem Leben eines Violoncellisten“ publi-
ziert. Auf 157 Seiten beschrieb er darin überwiegend chronologisch die Entwicklung
seines Musizierens und seine Bekanntschaften mit anderen MusikerInnen.
Paul Grümmer wurde 1879 in Gera (Deutsches Reich) geboren. Bereits sein Vater
war als Konzertmeister einer Hofkapelle sowie als Musiklehrer und Dirigent eines
Gesangvereins und eines Kurorchesters tätig. Grümmer musizierte an einer Reihe von
Orten innerhalb und außerhalb des Deutschen Reiches, unter anderem
– in den 1920er-
Jahren – längere Zeit in Wien. Die Entscheidung, sein Leben der Musik zu widmen,
wurde von ihm bereits in seiner Jugend verortet – allerdings aus Mangel an Alternati-
ven: Nachdem er weder zum Gelehrten noch zum Kaufmann taugte,36 konnte er auch
im häuslichen Violinspiel „keine Lorbeeren ernten, denn mein Bruder Wilhelm stellte
mich darin völlig in den Schatten“.37 Was allerdings in dieser Anfangserzählung still-
schweigend vorausgesetzt wurde, war die Vorstellung, später – in welcher Form auch
immer
– zu musizieren. Die Niederlage gegen seinen Bruder führte nicht zum Umden-
ken in Richtung einer anderen Tätigkeit, sondern nur zum Wechsel des Instruments:
„‚Eines steht fest‘, war meine Folgerung, ‚so tüchtig wie mein Bruder werde ich doch nie.
Wenn ich etwas vorstellen will, muß ich ganz was anderes machen.‘ […] Schnell war
mein Entschluss gefaßt: Ich wollte Cello spielen lernen!“ 38 Auf diese Weise beschrieb
Grümmer die langfristige und frühe Planung seiner Musikerlaufbahn. Dieser Lebens-
planung entsprechend trat Grümmer mit 15 Jahren in das Leipziger Konservatorium
ein
– eine Organisation, die am ehesten eine planbare künstlerische Laufbahn versprach.
34 Seine Aufnahme in das strukturale Sample erklärt sich dadurch, dass Paul Grümmer viele
Jahre hindurch in Wien musikalisch tätig war.
35 Die primäre Fläche erklärt 24,5 Prozent (cos2) der Erzählung.
36 Grümmer, Begegnungen, 9 f.
37 Ebd., 10.
38 Ebd.
Open Access © 2019 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO. KG, WIEN KÖLN WEIMAR
Durch Musik ein Fortkommen
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Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Title
- Über die Produktion von Tönen
- Subtitle
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Author
- Georg Schinko
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Size
- 15.5 x 23.5 cm
- Pages
- 310
- Keywords
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Category
- Kunst und Kultur