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Ich hatte viel nachzuholen, so schien es mir – ich war zu sehr abgelenkt worden, durch
Kammermusik, Proben, Stundengeben und Konzertieren. Kaum war ich dazu gekommen,
die Lehren meines geliebten Meisters wirklich zu verarbeiten. Es brauchte Jahre, bis dies
alles mit meinem eigensten Wesen ganz verwoben war. Ich fühlte – das richtige Studium
fing nun erst an.44
Hier wurde bereits angedeutet, was später noch eingehender dargestellt wurde: die
Entwicklung eigener Fähigkeiten und das Streben nach einem Musizieren, das frei
war von den Beschränkungen des (populären) Publikumgeschmacks und der ‚niedri-
gen‘ Dienste, das im Grunde frei war von sozialen Interessen (siehe Kammermu-
sik), ein Musizieren, das nur den Anforderungen der Musik selbst genügen sollte.
Es folgte ein Wechselspiel von einträglichen, aber künstlerisch weniger anspruchs-
vollen Musiziergelegenheiten (in Kurorchestern oder im Rahmen von Lehrstellen)
mit Zeiten des Vertiefens in die Musik und der Entwicklung eines eigenen Stils.
Grümmer suchte sich einen neuen „Meister“, da ihm sein alter Lehrer auf seinem
musikalischen Weg nicht genug weiterhelfen konnte, und fand zu einem neuen Stil
und einer neuen Musiziertechnik.45 In dieser Passage wurde auch die Vorstellung der
Individualität der musikalischen Entwicklung klar – nicht das „gut“ spielen, son-
dern der eigene Stil, der eigene Zugang zur Musik waren wichtig. Diese legte auch
Grümmer der Beurteilung seiner Fähigkeiten und denen anderer Musizierender als
Maßstab zugrunde, etwa wenn er einen großen Geiger beschrieb: „Schon im Alter
von 17 Jahren war Ysaye mein Abgott als Geiger gewesen. […] Sein Ton war so
weich wie Samt, dabei voll und groß, seine Technik so geschmeidig. Da gab es kein
Forcieren, keine Härten, es blühte der Geist des Werkes.“ 46
Auf seine „Lehrzeit“ folgte Grümmers „Virtuosenleben“
– Tourneen und Auftritte
in Salons und vor Berühmtheiten. Der Ausstieg daraus verdeutlichte besonders klar
die Unterschiede zwischen den verschiedenen Orientierungen des künstlerischen
Musizierens. So wurde nun das oberflächliche Virtuosen- und Solistentum dem
tiefsinnigeren und stärker künstlerischen symphonischen Musizieren im Orchester
gegenübergestellt.47 Wie schon oben angesprochen, stand dieser Kontrast auch für
Vorstellungen von Einflüssen des Sozialen auf die Musik:
Mein Violoncello war für mich stets ein Instrument, das viel zu viel Seele ausströmte, als
daß technische Kunststücke und Spezialitäten mich hätten reizen können. Meine Welt
44 Ebd., 23, Hervorhebung im Original.
45 Ebd., 30.
46 Ebd., 29.
47 Ebd., 51 f.; siehe dazu auch Kapitel 7.1 weiter oben.
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Durch Musik ein Fortkommen
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Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Title
- Über die Produktion von Tönen
- Subtitle
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Author
- Georg Schinko
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Size
- 15.5 x 23.5 cm
- Pages
- 310
- Keywords
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Category
- Kunst und Kultur