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Über die Produktion von Tönen - Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
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Ich hatte viel nachzuholen, so schien es mir  – ich war zu sehr abgelenkt worden, durch Kammermusik, Proben, Stundengeben und Konzertieren. Kaum war ich dazu gekommen, die Lehren meines geliebten Meisters wirklich zu verarbeiten. Es brauchte Jahre, bis dies alles mit meinem eigensten Wesen ganz verwoben war. Ich fühlte  – das richtige Studium fing nun erst an.44 Hier wurde bereits angedeutet, was später noch eingehender dargestellt wurde: die Entwicklung eigener Fähigkeiten und das Streben nach einem Musizieren, das frei war von den Beschränkungen des (populären) Publikumgeschmacks und der ‚niedri- gen‘ Dienste, das im Grunde frei war von sozialen Interessen (siehe Kammermu- sik), ein Musizieren, das nur den Anforderungen der Musik selbst genügen sollte. Es folgte ein Wechselspiel von einträglichen, aber künstlerisch weniger anspruchs- vollen Musiziergelegenheiten (in Kurorchestern oder im Rahmen von Lehrstellen) mit Zeiten des Vertiefens in die Musik und der Entwicklung eines eigenen Stils. Grümmer suchte sich einen neuen „Meister“, da ihm sein alter Lehrer auf seinem musikalischen Weg nicht genug weiterhelfen konnte, und fand zu einem neuen Stil und einer neuen Musiziertechnik.45 In dieser Passage wurde auch die Vorstellung der Individualität der musikalischen Entwicklung klar  – nicht das „gut“ spielen, son- dern der eigene Stil, der eigene Zugang zur Musik waren wichtig. Diese legte auch Grümmer der Beurteilung seiner Fähigkeiten und denen anderer Musizierender als Maßstab zugrunde, etwa wenn er einen großen Geiger beschrieb: „Schon im Alter von 17  Jahren war Ysaye mein Abgott als Geiger gewesen.  […] Sein Ton war so weich wie Samt, dabei voll und groß, seine Technik so geschmeidig. Da gab es kein Forcieren, keine Härten, es blühte der Geist des Werkes.“ 46 Auf seine „Lehrzeit“ folgte Grümmers „Virtuosenleben“  – Tourneen und Auftritte in Salons und vor Berühmtheiten. Der Ausstieg daraus verdeutlichte besonders klar die Unterschiede zwischen den verschiedenen Orientierungen des künstlerischen Musizierens. So wurde nun das oberflächliche Virtuosen- und Solistentum dem tiefsinnigeren und stärker künstlerischen symphonischen Musizieren im Orchester gegenübergestellt.47 Wie schon oben angesprochen, stand dieser Kontrast auch für Vorstellungen von Einflüssen des Sozialen auf die Musik: Mein Violoncello war für mich stets ein Instrument, das viel zu viel Seele ausströmte, als daß technische Kunststücke und Spezialitäten mich hätten reizen können. Meine Welt 44 Ebd., 23, Hervorhebung im Original. 45 Ebd., 30. 46 Ebd., 29. 47 Ebd., 51 f.; siehe dazu auch Kapitel 7.1 weiter oben. Open Access © 2019 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO. KG, WIEN KÖLN WEIMAR Durch Musik ein Fortkommen finden188
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Über die Produktion von Tönen Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
Titel
Über die Produktion von Tönen
Untertitel
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
Autor
Georg Schinko
Ort
Wien
Datum
2019
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20802-0
Abmessungen
15.5 x 23.5 cm
Seiten
310
Schlagwörter
Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
Kategorie
Kunst und Kultur
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