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war Bach, war die unendlich reiche Kammermusik, und so konnte mich eine Arbeit auf
die Dauer nicht befriedigen, die zu sehr auf gesellschaftlichen Erfolg eingestellt war.48
Grümmer tauschte sein Solistentum gegen das Musizieren zuerst in einem War-
schauer und dann in einem Wiener Konzertorchester ein – die ersten Tätigkeiten,
die von ihm als Stellen, also entsprechend angesehene und abgesicherte Positionen,
bezeichnet wurden. Sein Musizieren im Konzertverein Wien bezeichnete er gar als
„Lebensstellung“ 49 – die ihn jedoch nicht daran hinderte, sein musikalisches Stu-
dium fortzusetzen: „In Wien begann für mich eine glückliche Zeit. Die ersten Jahre
widmete ich nur meiner Weiterbildung, ich übte und las viel, denn der Dienst war
leicht.“ 50 Er entdeckte ein neues Instrument, die Viola da Gamba. Nach einigen Jah-
ren führte sein Musizieren im Orchester zu seiner Berufung an das Konservatorium
der Gesellschaft der Musikfreunde.51 Grümmer studierte nun nicht mehr bloß selbst,
sondern begleitete und förderte jetzt auch andere beim Studieren. Seine Lehrtätig-
keit führte er später auch an anderen Hochschulen, u. a. in Köln, fort.
Grümmer war durchwegs ein ernsthaft Studierender
– von den Anfängen seiner
Musikerlaufbahn bis hin zur immer weiter gesteigerten Vertiefung in seine musi-
kalische Entwicklung. Seine Entscheidung, das Virtuosentum für eine Orchester-
stelle aufzugeben, stand stellvertretend für die Perspektive ernsthaft Studierender
auf das Musizieren: Nicht nur der Wunsch nach künstlerischer Entwicklung ist
darin zu finden, sondern auch eine Differenzierung, die Musizierende mit posi-
tiver Bezugnahme auf andere Orientierungen wohl gar nicht vornehmen hätten
können. Während diese (und wohl auch eine breite Öffentlichkeit) Virtuosentum
und Orchesterstelle als gleichartig (weil künstlerisch wertvoll, kontinuierlich aus-
geübt und materiell abgesichert) gesehen hätten, sah Grümmer Unterschiede, die
nur aus der Vorstellung einer stetigen Vertiefung in die Musik – im Gegensatz zur
„oberflächlichen“ Effekthascherei des Virtuosentums – Sinn machten. Mit die-
ser Differen zierung machte Grümmer zusammen mit den anderen beschriebenen
Erzählpraktiken seine Orientierung klar.
48 Ebd., 52.
49 Ebd.
50 Ebd., 56.
51 Ebd. Das ernsthafte Studium der Musik: Dominanz 189
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Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Title
- Über die Produktion von Tönen
- Subtitle
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Author
- Georg Schinko
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Size
- 15.5 x 23.5 cm
- Pages
- 310
- Keywords
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Category
- Kunst und Kultur