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einer außermusikalischen (wie im populären Erfolg) war nicht gegeben, Kontinui-
tät war wichtiger. Am Ende zählte weniger, wie gut oder bekannt man war, sondern
wie durchgängig man musiziert hatte. Diese Vorstellungen widersprachen durchaus
beruflichen Praktiken in anderen Tätigkeiten, wo die Vorstellung und Umsetzung
von Karriere und Laufbahn, d. h. von kontinuierlichem Aufstieg durch eine Tätig-
keit, wichtig waren.
7.3.1 Skepsis erzählen: Clemens Mihatsch hat eine Musikerlaufbahn
Die Positionierung als jemand, der/die der Musik treu blieb, fand über ein Ensemble
von Praktiken statt. Im Folgenden soll exemplarisch dafür die Lebensgeschichte von
Clemens Mihatsch beschrieben werden. Diese nimmt unter jenen Lebensgeschichten,
die überdurchschnittlich gut durch die primäre Fläche der Korrespondenzanalyse
erklärt werden,99 die in der Orientierung des Der-
Musik- treu- Bleibens am extrems-
ten ausgerichtete Position ein. Sie repräsentiert daher am besten die Orientierung
von jenen, die der Musik treu blieben. Mihatschs Lebensgeschichte, deren Entste-
hungsdatum unbekannt ist, wurde für die Musiksammlung des Landesarchivs Vor-
arlberg verfasst. Unter dem Titel „Curriculum Vitae“ wurden auf zwei Seiten die
wichtigsten musikalischen Stationen seines Lebens kurz beschrieben.
Clemens Mihatsch wurde 1907 in Wien geboren. Sein Vater war höherer Beam-
ter im Kriegsministerium, seine Mutter erteilte ihm den ersten Klavierunterricht.
Er musizierte und dirigierte zuerst vorwiegend innerhalb Österreichs, später auch
in vielen anderen Städten Europas. Schon die Tatsache, dass hier eine Organisa-
tion des Musikwesens – die Vorarlberger Musiksammlung – die Erstellung einer
Lebensgeschichte erbat, verdeutlicht die Anforderungen an diese. Es sollte darum
gehen, den Platz des Erzählers in der Vorarlberger Musikgeschichte zu zeigen.
Dazu geeignet war der musikalische Werdegang, vor allem der Nachweis, dass
lange und oft musiziert wurde. Der Lebenslauf musste ein musikalischer sein. Er
sollte auch gleichsam öffentlichen Charakter haben – nicht Gefühle und private
Verhältnisse des Verfassers waren darin gefragt, sondern nur jene Tätigkeiten und
Kategorien, die seiner Identifizierung im öffentlichen Leben (als Angehöriger eines
bestimmten Berufes, als Musiker in Ausbildung etc.) dienten. So wurde etwa über
Mihatschs Eltern nur festgehalten, dass der Vater ein höherer Beamter im Kriegs-
ministerium war und die Mutter ihm den ersten Instrumentalunterricht erteilt
hatte. Auch seine Schulzeit wurde nur in ihrer Bedeutung für die weitere musi-
kalische Karriere beschrieben: „Nach Eintritt in die Schule fiel meine stimmliche
99 Die primäre Fläche erklärt 26,2 Prozent (cos2) der Erzählung.
Der Musik treu bleiben: Skepsis 209
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Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Title
- Über die Produktion von Tönen
- Subtitle
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Author
- Georg Schinko
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Size
- 15.5 x 23.5 cm
- Pages
- 310
- Keywords
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Category
- Kunst und Kultur