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Gelegenheitsmusizierende beschrieben eine Vielzahl von Unterhaltstätigkeiten.114 Dabei
handelte es sich um ein breites Spektrum an Tätigkeiten: Von Subsistenzwirtschaft über
ungelernte Arbeiten bis hin zu gelernten Arbeiten (wie etwa jene im Zuge der Lehre).
Die Kombination dieser unterschiedlichen Tätigkeiten weist auf die zentrale Notwen-
digkeit hin, in jeder Lebenssituation Unterhalt zu verdienen, sei es auf diese oder jene
Weise. Zusammen mit den Beschreibungen von Mangel und Armut 115 wird klar, dass
jene, die bei Gelegenheit musizierten, aufgrund materieller Schwierigkeiten eine Reihe
anderer prekärer Unterhaltsmöglichkeiten wahrnehmen mussten, um zu überleben.
Diesen Zusammenhang beschreibt etwa Heinrich Zwittkovits in seiner Untersuchung
der (meist als Gelegenheitsmusik ausgeübten) Blasmusik im Burgenland:
Sicherlich war die Blasmusik auch damals eine Musizierform sozial wenig privilegierter
Menschen […] Die einfachen Musiker […] kamen meist aus klein- und kleinstbäuer-
lichen Kreisen, sehr häufig ohne Möglichkeit, einen bäuerlichen Betrieb zu übernehmen.
Manchen davon gelang es, einen Handwerksberuf zu erlernen oder dort zumindest als
Gehilfe angelernt zu werden. Ein großer Teil aber verdingte sich mit Gelegenheits-, Hilfs-
und landwirtschaftlichen Saisonarbeiten. Die Musik war daher willkommene Gelegenheit,
die wirtschaftliche Situation zu verbessern.116
Auch einzelne Behörden schienen diesen Zusammenhang anzuerkennen und die
Motive der Gelegenheitsmusizierenden gutzuheißen:
Es gibt auf dem Lande einzelne, notleidende Gelegenheitsmusiker, die ab und zu als
‚Tanzlgeiger‘, Harmonikaspieler etc. […] um ein paar Schilling aufspielen. Bedeutet für
diese Personen (z. B. Forstarbeiter) in Anbetracht ihrer Arbeitslosigkeit der gelegentliche
Verdienst […] eine willkommene Zubuße zu ihrem kärglichen Unterhalt 117
Mit der Kombination unterschiedlicher Unterhaltsmöglichkeiten entsprachen Gele-
genheitsmusizierende auch abseits des Musizierens nicht unbedingt den damaligen
Vorstellungen von einer Berufsbiografie. Häufige Wechsel der Arbeitsstelle und
der Tätigkeitsart ebenso wie der Wechsel zwischen Ausbildungen, gelernten und
114 Dieser Aspekt wird durch die Modalität mehr als neun andere Arbeits- oder Unterhaltstätig-
keiten dargestellt.
115 Dieser Aspekt wird durch die Modalitäten Mutter übt Hilfstätigkeit aus, arbeitslos, Sozial-
leistung sowie Mangel als Kind dargestellt.
116 Zwittkovits, Pflege, 522.
117 Österreichisches Staatsarchiv, AVA, Bundesministerium für Unterricht, Verordnungen, 1936,
Zl.
27.061, Bundesministerium für Unterricht, Durchführungsbestimmungen hinsichtlich des
§15 der Musiker- und Kapellmeisterverordnung.
Als Gelegenheit musizieren: Dominiertheit 217
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Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Title
- Über die Produktion von Tönen
- Subtitle
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Author
- Georg Schinko
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Size
- 15.5 x 23.5 cm
- Pages
- 310
- Keywords
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Category
- Kunst und Kultur