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Beginn dieses Kapitels). Sie repräsentiert daher am besten die Erzählungen von jenen,
die aus Gelegenheit musizierten. Die von Gierer ab 1995 auf Tonband gesprochene
Erzählung wurde von seinen Töchtern im Selbstverlag herausgegeben. Unter dem
Titel „Meine Lebenserinnerungen“ beschrieb Gierer auf 137 Seiten Ereignisse von
seiner Kindheit bis zu seinem Ruhestand. Gierers Erzählung wurde bereits früher
in dieser Untersuchung als exemplarische Erzählung verwendet, da sie am besten
den Kontrast zur Referenz des Berufes, die die zweite Dimension dominiert, dar-
stellt.124 In der folgenden Darstellung werden jedoch andere Aspekte und Themen
der Erzählung hervorgehoben, die Gierers Position als positiven Bezug auf Gelegen-
heitsmusizieren
– im Unterschied zur negativen Bezugnahme auf Beruf im Rahmen
der zweiten Dimension – betonen.
Franz Gierer wurde 1906 in Pöchlarn (Niederösterreich/Österreich) geboren.
Beide Eltern waren Landarbeiter mit einer kleinen Landwirtschaft. Gierer musizierte
sporadisch, meist innerhalb Österreichs. Wann immer er musizierte, stellte dieses
Musizieren eine Abkehr vom
– mit Unterhalt und Ausbildung gefüllten
– Alltag dar.
Musizieren war eine Besonderheit und wurde demgemäß nicht als einfache Dauer
(„von … bis … spielte ich im Breslauer Stadttheater“), sondern als Episode erzählt.
So erzählte er auch seinen ersten Kontakt mit der Musik: „Damals sah ich in der
Auslage des Kaufhauses Schober eine gebrauchte Gitarre. Ich wollte immer ein
Musikinstrument lernen und so ging ich hinein und da mir Herr Schober preislich
sehr entgegenkam, kaufte ich sie.“ 125 Anstelle einer allgemeinen Aussage zu seinem
Musizieren stand hier der Versuch, den/die LeserIn unmittelbar in die Situation
hineinzuversetzen. Dass es für Franz Gierer nicht alltäglich war, zu musizieren,
zeigte sich auch an der Reaktion des Vaters: „[Er] war so fasziniert, daß ich dieses
Instrument spielen konnte, daß er mir dann erlaubte, die Gitarre in der Wohnung
aufzubewahren.“ 126 Diese Nicht- Alltäglichkeit des Musizierens stand in Beziehung
mit der schwierigen materiellen Situation, die eine andauernde Beschäftigung mit
Musik nicht erlaubte oder diese als unnötigen Luxus erscheinen ließ. Während in
anderen Erzählungen – nicht nur von KünstlerInnen – der Kontakt mit Musik in
der Familie am Anfang stand, war es bei Franz Gierer eher das Gegenteil: „Ich
trug [die Gitarre] nachhause, wußte aber genau, daß ich sie nicht in die Wohnung
bringen durfte, denn mein Vater hätte dies nicht geduldet. Er hätte gesagt: ‚Kauf
dir net solche Sachen, kauf dir lieber a Gwand.‘“.127 Hier wurde bereits eine wich-
tige Voraussetzung dafür angesprochen, dass Gierer sich in seiner Erzählung als
124 Siehe Kapitel 6.2.2.
125 Gierer/Annerl- Gierer (Hg.), Franz Gierer, 19.
126 Ebd., 19.
127 Ebd.
Open Access © 2019 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO. KG, WIEN KÖLN WEIMAR
Durch Musik ein Fortkommen
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Über die Produktion von Tönen
Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Title
- Über die Produktion von Tönen
- Subtitle
- Beziehungen von Arbeit und Musizieren, Österreich 1918 – 1938
- Author
- Georg Schinko
- Location
- Wien
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20802-0
- Size
- 15.5 x 23.5 cm
- Pages
- 310
- Keywords
- Music-making, Musician, Work, Vocation, Art, Austria, Correspondence analysis, Life Writing, Interwar period --- Musizieren, Musiker, Arbeit, Beruf, Kunst, Österreich, Korrespondenzanalyse, Lebensgeschichtliche Erzählung, Zwischenkriegszeit
- Category
- Kunst und Kultur