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Tragsessel an den Höfen der österreichischen Habsburger 249
Margarita Teresa in einem Tragsessel die Gräfin Mansfeld, die den kleinen Prinzen als des-
sen Obersthofmeisterin in ihren Armen hielt. Bei der Kirche angekommen, erhob sich die
Gräfin aus dem Transportmittel und übergab das Kind der Kaiserin, die es in die Loretoka-
pelle brachte, wo es vom Wiener Bischof gesegnet wurde. Nach Beendigung der religiösen
Zeremonie wurde Ferdinand Wenzel abermals von Gräfin Mansfeld im Tragsessel zurück
in die Hofburg gebracht. Das Kaiserpaar aber wartete das Ende des Gottesdienstes ab und
verließ die Kirche zu Fuß.176 Dieser Ablauf hatte für die Folgezeit Vorbildwirkung, denn
nach genau demselben Muster verliefen auch die Hervorgänge nach den Geburten der
kaiserlichen Kinder Maria Antonia (1669)177, Anna Maria Sophia (1674)178, Maria Jose-
pha Klementine (1675)179, Maria Elisabeth (1681)180 und Leopold Joseph (1682)181. Zu ande-
ren Hervorgängen jener Zeit lassen sich keine Aussagen bezüglich der Verwendung eines
Tragsessels treffen, weil diese Ereignisse entweder gar nicht oder nur in einem einzigen
Satz in den Hofzeremonialprotokollen erwähnt sind. Dies betrifft die Hervorgänge nach
den Geburten von Maria Anna (1683), Maria Theresia (1684), Karl (1685) – dem späteren
Kaiser Karl VI. –, Maria Josepha (1687) und Maria Magdalena (1689)182. Einige Hervor-
gänge jener Zeit fallen aus der Reihe, so etwa die Hervorgänge nach den Niederkünften
mit Johann Leopold (1670)183 und Maria Anna (1672)184, da diese Kinder zum Zeitpunkt
des Hervorganges ihrer Mutter bereits verstorben waren. Die entsprechenden Vorgänge
wurden deshalb ohne jeden Pomp begangen und auch in den Zeremonialprotokollen nur
kurz erwähnt.185 Eine weitere Ausnahme stellte der Hervorgang nach der Geburt von Erz-
herzog Joseph (1678) – dem späteren Kaiser Joseph I. – dar. Da dieser Zeremonie auch das
Herzogspaar von Pfalz-Neuburg – die Großeltern des Täuflings – beiwohnte, befürchtete
man am Wiener Hof Präzedenzstreitigkeiten zwischen den Gästen und den ausländischen
Botschaftern. Um einem drohenden Konflikt aus dem Weg zu gehen, wurde der Hervor-
176 ÖStA, HHStA, ZA, Prot. 2, S. 1385–1390. Auch im „Theatrum Europaeum“ wird dieser Hervor-
gang ganz ähnlich beschrieben. Theatrum Europaeum, Bd. 10 (Frankfurt a. M. 1677), S. 525 f.
Dabei wird erwähnt, dass die Obersthofmeisterin mit dem Prinzen „auf einem köstlichen Stul“
getragen wurde. Ebenda, S. 525.
177 ÖStA, HHStA, ZA, Prot. 2, S. 1440–1443.
178 ÖStA, HHStA, ZA, Prot. 3, fol. 1r–2r.
179 ÖStA, HHStA, ZA, Prot. 3, fol. 31v–32r.
180 ÖStA, HHStA, ZA, Prot. 3, fol. 293r–v.
181 ÖStA, HHStA, ZA, Prot. 4, fol. 48v–50r.
182 ÖStA, HHStA, ZA, Prot. 4 und ebenda, fol. 207v, 327v.
183 ÖStA, HHStA, ZA, Prot. 2, S. 1489.
184 ÖStA, HHStA, ZA, Prot. 2, S. 1565.
185 Nach dem am Tag der Geburt, unmittelbar nach einer Nottaufe eingetretenen Tod von Erzherzo-
gin Christine (1679) scheint sogar gänzlich auf den traditionellen Hervorgang verzichtet worden
zu sein. Vgl. ÖStA, HHStA, ZA, Prot. 3.
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
- Title
- Tragsessel in europäischen Herrschaftszentren
- Subtitle
- Vom Spätmittelalter bis Anfang des 18. Jahrhunderts
- Author
- Mario Döberl
- Editor
- Alejandro López Álvarez
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20966-9
- Size
- 17.5 x 24.7 cm
- Pages
- 432
- Categories
- Geschichte Vor 1918