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Katalin
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nen bleibt, was weitgehend mit den als »muslimisch« wahrgenommenen Traditio-
nen im sozialen und kulturellen Leben zusammenhängen mag.
3. bedingTe Transdifferenz
Angesichts der komplexen Verquickungen von Biografie, Gattungsgeschichte, Lan-
desgeschichte und politikgeschichtlichen Tendenzen kann die These Bernd Wieses
über das »Zweite Zeitalter der Entdeckungen«,56 der zufolge sich neue koloniale,
mediale und massentouristische Entwicklungen in der Art des Reisens bezie-
hungsweise in seiner Reflexion spürbar innovativ erweisen, nur bedingt greifen:
Den Berichten und den literarischen Bearbeitungen kann angesichts einer zeit-
genössischen Flut von Texten über Bosnien und die Hercegovina ein eindeutiger
Neuigkeitswert im Sinne von Entdeckung kaum zugeschrieben werden. Was man
jedoch beobachten kann, ist eine Ausdifferenzierung und Dynamik von Gattungs-
konventionen, die mal zur Abschwächung einer Form wie etwa des Bildungsreise-
berichts bei Meraviglia, mal zur Entstehung einer individuell geprägten Misch-
form zwischen Reiseführer und Reisebericht wie bei Schmal führen können. Eine
latentere Innovationsanfälligkeit scheint indessen den belletristischen Bearbeitun-
gen der Reiseerfahrungen dieser Zeit zuzukommen: Abgesehen von poetologisch
experimentell anmutenden Prosa-Versuchen von Berks – und dazu können auch
einzelne Passagen aus Lacromas Stürme (1883) oder Noli me tangere! (1899) gezählt
werden57 – bewegen sich die Textbeispiele vorwiegend auf tradiertem formalem
Boden. Kritisches Potenzial, welches Geschlechter- und Klassen- beziehungsweise
Religionsunterschiede transzendieren kann, entfalten sie vielmehr auf einer unter-
schwellig-inhaltlichen Ebene. Diese kann sehr wohl eine Hinterfragung von Kon-
ventionen in Gang setzen, muss es aber nicht. Insgesamt würde ich also in unse-
rem Kontext für eine Anwendung des Transdifferenzbegriffes plädieren, die einem
komplexen Zusammenspiel von biografischen Befunden über die Autorinnen und
Autoren, von literatur- und gattungsspezifischen Entwicklungen und außerliterari-
schen Bezügen und Tendenzen simultan Rechnung trägt. Diese Einsicht mag wohl
zunächst banal anmuten, kann aber auf einer Metaebene dazu beitragen, selbst das
begrifflich-theoretische Instrumentarium historisch zu spezifizieren und womög-
lich auch zu relativieren.
Um abschließend und unter diesem Aspekt die Autorinnen und Autoren noch
einmal in Erinnerung zu rufen: Meraviglia-Crivelli bleibt trotz ihrer ausgedehnten
Reisetätigkeit eine engstirnige Aristokratin, die sich 1913, während der Balkankrie-
ge, darüber aufregt, dass das Schiff, mit dem sie fährt, schmutzige Flüchtlinge
56 | Wiese, Bernd: Einführung. In: ders. (Hg.): WeltAnsichten: Illustrationen von Forschungs-
reisen deutscher Geographen im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Graphik – Malerei – Photo-
graphie: die Wirklichkeit der Illustration? Köln: Universitäts- u. Stadtbibliothek Köln 2011,
S. 11-17, hier S. 11.
57 | Vgl. Lacroma, Paul Maria [Marie Egger-Schmitzhausen]: Stürme. Ein Adria-Roman.
Wien: C.A. Müller 1883, Bd. 1, S. 7f, und dies.: Noli me tangere! [1890]. 2., durchges. Aufl.
Dresden: Pierson 1915, S. 5f.
Transdifferenz und Transkulturalität
Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
- Title
- Transdifferenz und Transkulturalität
- Subtitle
- Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
- Authors
- Alexandra Millner
- Katalin Teller
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-3248-8
- Size
- 15.4 x 23.9 cm
- Pages
- 454
- Keywords
- transdifference, transculturality, alterity, migration, literary and cultural studies, Austria-Hungary, Transdifferenz, Transkulturalität, Alterität, Migration, Literatur- und Kulturwissenschaften, Österreich-Ungarn
- Category
- Kunst und Kultur