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Virtuelle Reisen 383
sem Ambiente wird die Aufnahme einer Waage wegen ihrer Einmaligkeit bedeu-
tend, verstärkt dieses Bild doch das Rätsel, wie das Marktgeschehen ohne explizite
Regeln funktioniert.
Es liegt nahe, den Film als Propaganda zu betrachten. Für die Suggestion,
Österreich-Ungarn habe am Balkan-Kriegsschauplatz die Situation unter Kont-
rolle, gab es keinen symbolträchtigeren Schauplatz als den Ort des Attentats auf
den österreichischen Thronfolger. Legen wir die Bezeugung der Oppositionen von
Primitivismus versus Moderne, Tradition versus Technologie, Unordnung versus
Gestaltung, physiologische Ursprünglichkeit versus Hygiene als Kriterien an, wie
sie für den Reisefilm aus postkolonialer Perspektive veranschlagt werden, so tritt
anderes hervor. Der Film unterschlägt so gut wie alle Referenzen auf den hybri-
den Charakter der Stadt, er zeigt weder die gepflasterten Straßen noch die elek-
trische Beleuchtung, nicht die in Eisenbeton errichteten Repräsentationsgebäude
und die vornehmen Kaufhäuser, nicht die Wasserleitungen, die Kanalisation und
die Fernsprecher, nicht das moderne Museum, das Rathaus oder die Zentrale der
österreichisch-ungarischen Bank, nicht die evangelische Kirche und den Tempel
der jüdischen Gemeinde, also jene Elemente der Stadtstruktur, die im selben Jahr
von einem deutschösterreichischen Militärbeamten für die Kriegszeitung des Akade-
mischen Turn-Vereins Graz rhapsodisch beschrieben worden sind.7 Das ist nun ein
arbiträr gewähltes Referenzbeispiel, gewiss, doch zugleich bietet dieser Artikel mit
seiner subjektiven Ausschmückung der Taxonomien der Reiseführer eine muster-
hafte Narration. In diesem Bericht wurde das türkische Viertel zum ›Märchen aus
1001 Nacht‹.
Orientalismus, das kulturell Andere, ist evidentermaßen auch das Begehrens-
objekt des Films Sarajevo. Doch die Exposition der imaginären Differenzen wird
durchkreuzt durch die intrinsische Unfähigkeit des frühen dokumentarischen
Films, den Schauplatz vollständig zu kontrollieren. Drei Momente stechen dabei
hervor: die in den Fokus geratenden uniformierten Polizisten, die den Eindruck
einer geheimnisvollen Selbstregulierung des Ortes revidieren; die Personalisie-
rung, die durch die notorischen ›Gaffer‹ hergestellt wird – so bezeichnet man die
Menschen, die den Blick der Kamera erwidern –, sie durchkreuzen die Ambitio-
nen, bloße Typen zu zeigen; schließlich als drittes Moment die in den Schwenks
unvermeidlichen Situationen, Beobachter der Beobachter ins Bild zu bringen,
Menschen, die eben noch der Tätigkeit der Kamera zugesehen haben. Das bringt
die Illusion des göttlichen Auges und der objektiven Registratur des Realen ins
Schwanken. Vor allem aber: Es nötigt die Betrachterinnen und Betrachter im Kino
zur Anerkennung, dass sie mit den Menschen vor Ort einen gemeinsamen Raum
teilen – einen hypermodernen Raum der universalen Sichtbarkeit, den das Dis-
positiv des Films herstellt.
7 | Wamperl: Eindrücke aus und über Sarajewo. In: Kriegs-Zeitung des A.T.V. Graz v.
11.9.1915, S. 1-2.
Transdifferenz und Transkulturalität
Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
- Title
- Transdifferenz und Transkulturalität
- Subtitle
- Migration und Alterität in den Literaturen und Kulturen Österreich-Ungarns
- Authors
- Alexandra Millner
- Katalin Teller
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-3248-8
- Size
- 15.4 x 23.9 cm
- Pages
- 454
- Keywords
- transdifference, transculturality, alterity, migration, literary and cultural studies, Austria-Hungary, Transdifferenz, Transkulturalität, Alterität, Migration, Literatur- und Kulturwissenschaften, Österreich-Ungarn
- Category
- Kunst und Kultur