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SCHLUSS434
geradezu eine (noch weitergehende) Entdemokratisierung der Universitäten
bedeutet, die ja in den Bildungsprotesten gegen das UG 2002 unter anderem
bekämpft worden ist.22
Die Untersuchung der Umsetzung der ersten Reformschritte in Inns-
bruck, die in Kapitel 3 behandelt wurde, verdeutlichte vornehmlich, dass die
Implementation der Reformen nicht reibungslos verlief, sondern von Anfang
an verschiedene Auffassungen über die Richtung der Reformen vorhanden
waren. Dies veranschaulichte besonders die Reform der philosophischen Fa-
kultät, die gemeinsam mit der Gewährung der Lehr- und Lernfreiheit, der
Abschaffung der Studiendirektoren und der Neuorganisation der Akademi-
schen Behörden die zentralen Reformvorhaben nach der Revolution waren.
Erst unter Thun verschob sich der Blick zunehmend auch auf die juridische
Fakultät, was jedoch nicht heißt, dass Thun sich überwiegend für die juri-
dische Fakultät interessierte, wie die Arbeiten von Lentze es nahelegen.23
Die Reform der philosophischen Fakultät wurde zwar in Innsbruck grund-
sätzlich begrüßt, von Anfang an mischten sich jedoch auch Sorgen um den
Verlust einer allgemeinbildenden Instanz an der Universität, zumal die
Professoren dem Gymnasium diesen Auftrag nicht zutrauten. Das bisherige
philosophische Studium wurde zudem als Übergangseinrichtung von der be-
hüteten Lehre an den Gymnasien zu der freien Lehre an der Universität
betrachtet und, sollte diese wegfallen, dann wäre der Übergang zu abrupt
und ebenfalls mit schlechten Auswirkungen auf die Bildung der Studenten
verbunden. Außerdem warnten die Professoren auch vor einer allzu großen
Zersplitterung der Wissenschaften, was auch auf die Gemüter der Studenten
eine verheerende Auswirkung haben würde. Die Professoren konnten mit
diesen Sorgen allerdings nicht beim Ministerium durchdringen, die Lernfrei-
heit wurde zwar mit fortschreitender Reform eingeschränkt, aber die diszip-
linäre Aufspaltung der Studienfächer vollzog sich nach und nach. Während
die Professoren sich offenbar damit abgefunden hatten, meldete sich jedoch
bald der Universitätsbibliothekar und kritisierte den wachsenden Verlust
der allgemeinbildenden Funktion der Universität und die disziplinäre Zer-
splitterung.
Was die neu erlangten Freiheiten an der Universität betrifft, zeigt sich,
dass die Professoren hier differenzierend argumentierten. Während sie näm-
lich ihre eigenen, durch die Revolution errungenen Freiheiten argwöhnisch
verteidigten – was anhand der Episode um die Entmachtung der Studiendi-
rektoren dargestellt wurde (Kap. 3.2.2.) –, waren sie bei den Studenten we-
22 Vgl. dazu auch scHiBany, Bildung im Würgegriff der Ökonomie?
23 Lentze hatte sich als Rechtshistoriker überwiegend auf die juridischen Studien konzent-
riert und in seinen Arbeiten dementsprechend auch den Fokus darauf gelegt.
Die Universität Innsbruck in der Ära der Thun-Hohenstein’schen Reformen 1848–1860
Aufbruch in eine neue Zeit
- Title
- Die Universität Innsbruck in der Ära der Thun-Hohenstein’schen Reformen 1848–1860
- Subtitle
- Aufbruch in eine neue Zeit
- Author
- Christof Aichner
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20847-1
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 512
- Keywords
- University of Innsbruck, University Reforms, Thun-Hohenstein, Leo, Universität Innsbruck, Reform, Universitätspolitik, Thun-Hohenstein
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen