Page - 108 - in Unser Vaterland - Steiermark und Kärnten
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Steiermark,
von unserer Kraft und die gewaltige Herrlichkeit ruht oft ehern auf unserer Seele. — An der Wallfahrtskirche
Pernegg und an Kirchdorf vorbei fahren wir in die schattige, tiefe Waldschlucht, in welcher die Mur das Urgebirge
durchbrochen hat. Hinter der Kapelle, die auf einem Bcrguorsprung steht, weitet sichs wieder. Bisher gi iM
nördlich, hier kommt die Mur durch den breiten Buden herab von Westen, während die Südbahu rechts ins
Thal der Mürz einbiegt. Dort, wo die Mürz — wir kennen sie aus ihrer Jugend her, da wir bei Ncuberg,
Mürzstcg und dem todten Weib mit ihr gewandert sind — als ein recht stattliches Wasser in die Mur fließt,
liegt die Stadt Brück. Sie zählt mit ihren vier Vorstädten bei dreitausend Einwohner. Die Straßen sind
geräumig und gerade, doch ohne anschcntlichc Gebäude. Den großen Platz ziert ein schöner Brunnen. Merk-
würdig für den Kunstfreund ist der alte Fürstenhof mit seinen Bugcngängen, reichlich mit Arabesken im besten
byzantinischen Geschmacke geziert. Mehrere Kirchen und ein Theater vertreten die ideale Richtung der Brncker. Anf
dem Echloßbcrge, an welchem schöne Spaziergängc angelegt wurden sind, steht die Ruine Land-ikron. Die Schicksale
der Stadt Brnck ketteten sich in vieler Beziehung an jene vun Graz: Türkencinfälle, Se>uhm, Uebevschwemmnngen,
Franzusenrummcl n. s. w. Den 4. und 5. September 1792 zählt Brück zu seinen furchtbarsten Tagen. Eine
Fcnersbrunst äscherte die ganze Stadt und die Feste Landskron ein. —
Die Lage vun Brück zwischen herrlichen, bcwaldctcn Bcrgcn, an den beiden schönen Flüssen und an der
Auszwcigung der Südbahn nach Leuben, wo dieselbe znr Rudolphsbahn stößt — ist sehr günstig für die Weiter
cntwicklung dieser Stadt. —
Von Brück aus ist als dankbarer Berg das 5182 Fuß hohe Rcnnfeld zu besteigen.
„Gcscgne Gott den Sterz! und ich that bitten um einen Trunk Wasser!" so grüßen wir oben die Schwaigcrin
in der Almhütte.
„Bedanken uns, nnd wenn der Herr essen will, der Löffel wär' sauber." So von ihrer Seite die freund-
liche Einladung zum Mahle. Die Schwaigerin sitzt auf einem Hulzblock und ihr Schoß ist der Tisch, auf welchem
ein Milchtopf und eine Schüssel mit Sterz steht — eine Lieblingsspcisc aus Mehl nnd Schmalz. — Den Sterz-
überlassen wir dem ältlichen Mann, der vor der Schwaigcrin hockt und mit Bedacht nnd Ausdauer dic Himmels-
gab' genießt. Wir setzen uns vor der Hütte auf einen Stein nnd laben lins an der Milch, wie Gott auf der
Alm fie stießen läßt.- Dabei bewundern wir den Spciscsaal. Fünf Thäler ziehen sich da nntcn in der Tiefe:
dic waldschattige Schlucht gegen Pcrncgg hin; der lichte, ätherübcrgossenc Murbudcn gegen Lcobcn nnd Knittelfcld;
das freundliche Wicscnthal der Laining gegen die Bergriescn von Tragöß; das enge Waldthal des ThörlbacheS
gegen Aflenz und das liebliche, grüne Gelände der Mürz bis hinan gegen den Felskoloß der Rar. Das Städtchen
Brück streckt sich auf der sonnigen Au, sein Haupt an den Schloßbcrg gelehnt, seine Füße badend in der Mur
— hält es sein Mittagsschläfchen. Die Bänder der Landstraßen liegen locker nnd unbenutzt; die Eisenbahnen ziehen
ja strammer an. In der Mur und der Mürz liegt der Schimmer des Himmels. — Ueber dem Gleinalpenzng
steht eine milchweiße Wolke mit strotzenden Rändern. Ueber der fernen Koralpc ist das Bleigrau eiucs Gewitters.
Hinter dem kecken Horn des Rciting und den Schncetafeln dcs Zinken krausen zarte Wölklcin, dnrchwoben von
Sonnenschein. Auf den Tragößcrgcbirgcn liegt der Schatten einer röthlichcn Ncbelmasse. Und über der Alpen-
wildniß des Hochschwab bis zur hohen Veitsch und den Neubcrgcralpen baut sich finsteres Gcwölke. Auch über dem
Gipfel dcs nahen Lantsch braut eine Blitze schmiedende Wolke, welche ihre Waare bereits mit einem erklecklichen
Dunncrschlag ankündigt. Unser Rcnnfcld allein ist auserwählt, nnd dic Sonne lächelt zwischen Wolken in die
Eterzschüsscl, die mittlerweile leer geworden ist. Der alte Mann inacht Anstalten zu einer Pfeife Tabak. Eine wilde
Biene umstimmt ihn, ein verfehlt Beginnen! willst du, kleines Thier, schon nicht süßen Saft aus den Alpenkräutcrn
saugen, so stiege zur jungen Schwaigern:. Bei der kommt sie aber auch zu spät. Der grüne, dichte Fichtenwald,
der vom Thalc fast bis zur Hütte hinanfwächst, ist noch jünger als sie. Unter seinem Schatten ist sie gesessen,
hat einen Gesang vom Hcrzlicbstcn gesungen, 's ist überall dasselbe Lied, auf der Höhe, wie in der Tiefe, und
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Unser Vaterland
Steiermark und Kärnten
- Title
- Unser Vaterland
- Subtitle
- Steiermark und Kärnten
- Authors
- Peter.K. Rosegger
- Fritz Pichler
- A. von Rauschenfels
- Publisher
- Gebrüder Kröner
- Location
- Stuttgart
- Date
- 1877
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 28.1 x 42.23 cm
- Pages
- 344
- Keywords
- Wandern
- Categories
- Geographie, Land und Leute
- Geschichte Vor 1918