Page - 109 - in Unser Vaterland - Steiermark und Kärnten
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Von Graz bis Vruck,
die Leute werden alt, ehe sie's glauben, nnd seitdem das „Bcrgkraxeln" Mode geworden, werden altere Sennerinnen
nicht mehr ausgetauscht gegen jüngere.
Endlich brennt die Pfeife; der Halter hält feine Rast ein Stündchen: er hat keine Uhr, er mißt die Zeit
nach Pfeifen Tabak. — Und zu plaudern muß man auch was dabei haben.
,,Nau," sagt er zu uns, „geht ihr Schwert suchen?"
Wie reich ist Stcicrinarks Vorzeit! Von Hang zu Hang, von Schanz zu Schanz rankt fich der Sagcnkranz.
— „Weil das Schwert des Stubenbergers noch begraben liegt auf diesem Berg," setzt der Halter bei.
Schon zuckt bisweilen ein grünlich weißer Streifen
nieder über die schwarze Wolkenmasse, wie wenn man
ein Zündhölzchen über eine dunkle Wand streicht. Das
Gewitter bricht los; wir ziehen uns in die Hütte und
fragen: „Nun, was ist's mit dein Schwerte des
Stubenbergers?"
„Iaah!" zieht der Alte seine Stimme selbstgefällig
in die Länge, „das ist curios. Auf diesem Berg da
ist's geschehen. - Vor alter Zeit,
da sind unten an der Mürz im
Kapfenbergcr G'schluß nnd an
- ^^Ä der Mur iu der Perncggerburg
die Ritter gewesen. Der Wulf
und der Kuenring — junge Kreuz-
teufel und von Stahl und Eisen
über und über. Der Wulf, der
hat die schöne Agnes vom Per-
ncgger-G'schloß gern gesehen, und
der Kucnring der hätt' sie gern
g'habt. Angehalten hat der Wulf
um die Iungfran, hätt' sie auch
kriegt und — helf' uns Gott
der, himmlische Herr!" — Ter
Alte bekreuzt sich, denn ein Blitz
ist niedergefahren vor unseren
Augen nnd ein wilder Krach zerreißt die Luft. — Die Schwaigcrin nimmt ein hölzernes Kruzifix von der
Wand, nm das Gewitter zu bekreuzen und zu beschwören, denn der Mensch glaubt es gar nicht, wie viele
Wetter gehext sind.
„Hätt' sie kriegt, der Wulf," fährt der Erzähler fort, ,,da muß er mit dem Kreuzzug ins Land Jerusalem."
„Ins heilige Land," verbessern wir, allein er bleibt bei seinem Land Jerusalem. „Auch der Kuenring ist
mitgereist. Und jetzt schaut einmal: ist euch nach Jahr und Tag der Kuenring wieder heim gekommen und hat
gesagt: den Stubenberger Wulf, den hätten sie verschlagen und nachher wollt' er die Jungfrau Agnes haben."
Die Schwaigerin schießt zur Thür herein: „Bitt' euch, liebe Leut', laßt die sündhaften Geschichten jetzt sein.
Thut's lieber beten, 's kommt straflig."
Wir blicken hinans. Die Thäler sind verschwunden, dichte Nebel und Regenmassen brechen in dieselben
nieder. Die Bäume des nahen Waldes schlagen mit ihren Aestcn auf einander los, die Wipfel machen hohe Rücken.
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Vruck: Fürstenhof und Ruine Tandsfron.
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Unser Vaterland
Steiermark und Kärnten
- Title
- Unser Vaterland
- Subtitle
- Steiermark und Kärnten
- Authors
- Peter.K. Rosegger
- Fritz Pichler
- A. von Rauschenfels
- Publisher
- Gebrüder Kröner
- Location
- Stuttgart
- Date
- 1877
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 28.1 x 42.23 cm
- Pages
- 344
- Keywords
- Wandern
- Categories
- Geographie, Land und Leute
- Geschichte Vor 1918