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Im Herzen des oberen Tandes.
noch großartiger gehabt. An der gegenüber aufragenden Mcßncrin bleibt unser Angc hängen. Dieser Vcrg hat
hoch oben gegen die Kante der Wand hin ein viereckiges Luch, durch welches man das Firmament schinnnern sieht. —
„Ja," sagte mir einmal ein Halter, „es ist kein Spaß, dieses Loch hat der Teufel mit sciucu Hörnern
gestoßen, wie er mit der Schwaigcrin abgefahren ist."
„Ei, was ihr sagt! So hat er doch einmal eine geholt?"
„Und ob er Eine geholt hat! — Weil sie sich ihm Verschrieben gehabt hat, da oben auf dem Pribitz-
boden. Warum? Weil ihr der Böse beim Käsen und Buttern hat helfen müssen und sie es den Schwaigcrin-
ncn auf der Sonnschinalm
hat anthun mögen, daß
deren Kühe lantcr Blnt und
Wasser haben gcmolten."
„Und hat sie da«
zuwcg gebracht?"
„Wird sie doch
leicht zuweg gebracht haben,
wenn sie eine Herc ist
gewesen! Dcswcg hat sie
sich ja dein Teufel ver-
schrieben, daß sie eine
Hexe hat sein können.
Nn, wie die Zeit aus
ist und sie der Schwarze
d'rauf hätt' holen sollen,
hat sich die Schwaigcrin,
daß er sie nicht finden lind
erkennen möcht', in eine
Schncck verzaubert und ist
oben in der hohen Pri-
bitzwand herumgekrochen.
Aber dem Teufel wird 5teirischcr Hirtenknabe, Gius uicht zu gcschcidt;
wie sie eine Schncck ist,
wird er ein Geier und
fliegt an die Felswand.
Just will er sciucn langen
Schnabel aushacken nach der
Schnecke, da kollert diese
schnnrstraks hiuab iu den
See und verzaubert sich
in eine Forelle. Dcr Tenfel
nicht faul, wird eine Sec-
schlange, jagt die Forelle
ans Ufer. Auf grünem
Gras hat sie wieder müssen
die Schwaigcrin sein. Da
hat er sie gepackt um
die Mitten, ist mit ihr
durch die Lüfte gefahren
grad der Metzncrinwaud
zu und mit einem Sanser
durch den Berg. So ist
das Loch heutigen Tags
noch zu sehen." —
Diese Hochalpcnwelt ist des Halles und Schalles voll. Hier, im Angesichte des ungeheuren Bcrgrundcc-
steht ein Hirtenknabe mit seinem Stab. Kaum kommt die Herrlichkeit dessen, was er sieht, zu sciuem Bewußtsein,
aber er schaut und fühlt und jauchzt. In diesem Jauchzen liegt der Ausdruck seines Mcnschcnthums; da^
Jauchzen und Jodeln ist die Lyrik des Aelplcrs. —
Dort oben gellt ein gebrochener Knall; bald darauf sehen wir einen grancn Punkt niedcrfahrcn an der
hohen Wand — es ist die in den Abgrund stürzende Gemse. —
In der Kirche von Tragöß hinter dein Hochaltar ist ein gespaltener Todtcnkopf aufbewahrt. Vor vierhundert
Jahren wars, da haben die Tragößer ihren Pfarrer am Hochaltar crfchlagen. Der Priester hatte sich durch ein
zu strammes Regiment und durch zu rücksichtslose Kanzclrcdcn mißliebig gemacht; hatte vom Gute seiner Pfarrtindcr
schweren Zchcnt genommen, hatte den verwilderten Waldmcnschcn das gewohnte Lasterleben scharf untersagt, nnd
soweit kam's, daß eine Rotte sich gegen ihn verschwor und eines Morgens den Priester, als er zur Messe gehen
wollte, mit einem Beile den Kopf spaltete. Zwölf der Rädelsführer wurden ob dieser That vor der Kirche enthauptet,
die Gemeinde aber wurde in den Bann gelegt, in welchem sie lange Jahre schmachtete.
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Unser Vaterland
Steiermark und Kärnten
- Title
- Unser Vaterland
- Subtitle
- Steiermark und Kärnten
- Authors
- Peter.K. Rosegger
- Fritz Pichler
- A. von Rauschenfels
- Publisher
- Gebrüder Kröner
- Location
- Stuttgart
- Date
- 1877
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 28.1 x 42.23 cm
- Pages
- 344
- Keywords
- Wandern
- Categories
- Geographie, Land und Leute
- Geschichte Vor 1918