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Geographie, Land und Leute
Unser Vaterland - Steiermark und Kärnten
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Page - 121 - in Unser Vaterland - Steiermark und Kärnten

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Im Thale der Mürz. ist aber völlig zu schwach für die steilen Treppen. Da legt sie uorch unten in der Kirche die Beicht ab, genießt ein warmes Süpplcin; und man soll nicht glauben, was so eine rcumüthige Beichte wirkt — jetzt gehts wacker den Berg hinan. Bei jeder Leidensstation rastet sie und denkt auch an die Leidcnsstationcn ihres eigenen Lebens. Und wenn sie endlich ganz oben vor des lieben Herrn Jesus Kreuzpfahl steht, denkt sie schmerzlich: Jetzt haben sie ihn doch anch heuer wieder gekreuzigt! — und weint. — Neben dem Christuskrcuze steht das des rechten Schachers, der „bei ihm im Paradiese sein wird". Zur andern Seite ragt der Pfahl des linken Schachers; dieser hat ein vor Verzweiflung grinsendes Angesicht nnd ist ein berüchtigt Schrcckbild. Wenn Einer das Gesicht verzerrt, so sagt man von ihm: „Er zahnt (grinst) wie der link' Schacher." — Am Fuße des Heilandes steht Maria; sieben Schwerter stecken in ihrer Brust. Das dauert unser Mütterlein, da kommt ein Vuglcin geflogen, setzt sich auf eines der Schwerter und singt so übermüthig, so lustig toll drein, daß das Weiblcin gar nicht weiß, wie ihm geschieht. — Hast denn gar keine Religion, du böser Vogel? — Er hat wirklich keine und singt, wie ihm der Schnabel ist ge- wachsen. Und man kennt sich gar nicht mehr aus auf der Welt. So gchts zu auf dem Kalvaricnbcrg ^ wie dieses eine Wciblein tausend andere, wie dieser eine Vogel tausend andere. — Und so gchts zu auf allen Kaluarienbcrgen, deren es ja so viele gibt im Lande. — Von der alten Vcrgkirche St. Georg jenseits des Thales klingt ein Glöcklcin zu uns herüber; es läutet den Mittagsgruß hinans ins Thal. Und die fröhlichen Mähdcr und die Schnitter ziehen heim; aber die Eisenhämmer rollen und pochen fort in ewiger Geschäftigkeit, heute schmieden sie Pflüge, morgen Schwerter. Und ewig bleibt die Welt ein Kalvarienbcrg mit dem übermüthigen Vogel. Noch blicken wir znr Waldhöhc hinan, wo die letzten Reste der Ruine Kindbcrg morschen; die alte Feste ist im 13. Jahrhundert durch ein Erdbeben zu Grnndc gegangen. — Und nun wandern wir dem Wartbcrge zn, der das Thal einengt und es in das untere und das obere Mürzthal scheidet. Wenn das untere Thal sonnige Lehnen mit zahlreichen Bauernhöfen, Holzschläge, Felder uud Matten aufwies, so hat das obere Thal eine etwas ernstere Tchattirung. An den rechtsseitigen Höhen, die hier wieder zn bedeutenden Bergen aufsteigen, stehen große Waldungen; an den linksseitigen sind zwischen Waldgcbictcn überall behäbige Bauernhöfe zu sehen; und hinter diesem grünen nördlichen Bcrgwall baut sich der schroffe Felsstock der hohen Vcitsch auf. Nach beiden Seiten hat das Mür;- thal lange Engthälcr mit Ortschaften und Ucbcrgangsstraßen zur Echwabcngruppc links und ins Fcistritzgcbict rechts. Auf den Bergrücken, welche die Gebiete der Mürz und der Feistritz trennen, ist ein stundenlanger, weiter Graben gezogen, welcher die Türkenschanzc heißt und als Schutz gegen die wilden morgcnländischcn Horden gegraben worden sein soll. Bald hinter der Enge bei Nartbcrg steht anf dem Berge die schöne Ruine Lichtencck, an deren Fuße in neuester Zeit mehrere Villen und ein stattliches Eisenwerk entstanden sind. Nicht weit davon, in Mittcrdorf, wo das Wasser aus dem Waldgrabcu von der Veitsch kommt, steht das Schloß Bühel, die Geburtsstättc des steirischcn Dichters I. Kalchbcrg. Und eine Stunde später ruhen wir anf einer grünen Höhe und betrachten des Mürzthalcs schönstes Bild. Zur rechten Hand liegt der lebendige Blumenteppich einer Wiese; nebenhin stehen Kornhäuschcn, welche gestern die Schnitter gebaut nnd die das kostbarste Dach haben von allen Gebäuden der Erde: ein Dach ans goldenen Achrcn. Unten in der Niederung liegt der ansehnliche Ort Krieglach mit seinem altersgrauen Kirchthurinkeil. Kricglach, dieser unscheinbare Ort, ist eine jener uralten Mcnschcnstättcn, die auf uns herübergekommen sind, wie eine Sage in Stein gehauen. Die Schloßhcrrcn nnd Pfarrer haben über die ihnen untergebenen Orte keine Chronik geführt, außer was Robot und Zehen, betraf, und so ist es der Phantasie des Volkes anheimgestellt geblieben, von dein Ursprünge nnd der Geschichte seiner Heimat zu erzählen. Und vom Krieglachcr Thale erzählt die Phantasie des Volkes so: Da ist einst ein grußer See gewesen, der hat sich vom Gansstcin bei Mürzzuschlag bis an den Wart^ berg hinab erstreckt. Auf diesem, von Urwäldern umschlossenen See ist allweg ein weißes Krüglcin geschwommen
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Unser Vaterland Steiermark und Kärnten
Title
Unser Vaterland
Subtitle
Steiermark und Kärnten
Authors
Peter.K. Rosegger
Fritz Pichler
A. von Rauschenfels
Publisher
Gebrüder Kröner
Location
Stuttgart
Date
1877
Language
German
License
PD
Size
28.1 x 42.23 cm
Pages
344
Keywords
Wandern
Categories
Geographie, Land und Leute
Geschichte Vor 1918
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