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Im Thale der Mürz.
ist aber völlig zu schwach für die steilen Treppen. Da legt sie uorch unten in der Kirche die Beicht ab, genießt
ein warmes Süpplcin; und man soll nicht glauben, was so eine rcumüthige Beichte wirkt — jetzt gehts wacker den
Berg hinan. Bei jeder Leidensstation rastet sie und denkt auch an die Leidcnsstationcn ihres eigenen Lebens. Und
wenn sie endlich ganz oben vor des lieben Herrn Jesus Kreuzpfahl steht, denkt sie schmerzlich: Jetzt haben sie ihn
doch anch heuer wieder gekreuzigt! — und weint. — Neben dem Christuskrcuze steht das des rechten Schachers,
der „bei ihm im Paradiese sein wird". Zur andern Seite ragt der Pfahl des linken Schachers; dieser hat ein
vor Verzweiflung grinsendes Angesicht nnd ist ein berüchtigt Schrcckbild. Wenn Einer das Gesicht verzerrt, so sagt
man von ihm: „Er zahnt (grinst) wie der link' Schacher." — Am Fuße des Heilandes steht Maria; sieben Schwerter
stecken in ihrer Brust. Das dauert unser Mütterlein, da kommt ein Vuglcin geflogen, setzt sich auf eines der
Schwerter und singt so übermüthig, so lustig toll drein, daß das Weiblcin gar nicht weiß, wie ihm geschieht. —
Hast denn gar keine Religion, du böser Vogel? — Er hat wirklich keine und singt, wie ihm der Schnabel ist ge-
wachsen. Und man kennt sich gar nicht mehr aus auf der Welt.
So gchts zu auf dem Kalvaricnbcrg ^ wie dieses eine Wciblein tausend andere, wie dieser eine Vogel
tausend andere. — Und so gchts zu auf allen Kaluarienbcrgen, deren es ja so viele gibt im Lande. — Von der
alten Vcrgkirche St. Georg jenseits des Thales klingt ein Glöcklcin zu uns herüber; es läutet den Mittagsgruß
hinans ins Thal. Und die fröhlichen Mähdcr und die Schnitter ziehen heim; aber die Eisenhämmer rollen und
pochen fort in ewiger Geschäftigkeit, heute schmieden sie Pflüge, morgen Schwerter. Und ewig bleibt die Welt ein
Kalvarienbcrg mit dem übermüthigen Vogel.
Noch blicken wir znr Waldhöhc hinan, wo die letzten Reste der Ruine Kindbcrg morschen; die alte Feste ist
im 13. Jahrhundert durch ein Erdbeben zu Grnndc gegangen. — Und nun wandern wir dem Wartbcrge zn, der
das Thal einengt und es in das untere und das obere Mürzthal scheidet. Wenn das untere Thal sonnige Lehnen
mit zahlreichen Bauernhöfen, Holzschläge, Felder uud Matten aufwies, so hat das obere Thal eine etwas ernstere
Tchattirung. An den rechtsseitigen Höhen, die hier wieder zn bedeutenden Bergen aufsteigen, stehen große Waldungen;
an den linksseitigen sind zwischen Waldgcbictcn überall behäbige Bauernhöfe zu sehen; und hinter diesem grünen
nördlichen Bcrgwall baut sich der schroffe Felsstock der hohen Vcitsch auf. Nach beiden Seiten hat das Mür;-
thal lange Engthälcr mit Ortschaften und Ucbcrgangsstraßen zur Echwabcngruppc links und ins Fcistritzgcbict
rechts. Auf den Bergrücken, welche die Gebiete der Mürz und der Feistritz trennen, ist ein stundenlanger, weiter
Graben gezogen, welcher die Türkenschanzc heißt und als Schutz gegen die wilden morgcnländischcn Horden gegraben
worden sein soll.
Bald hinter der Enge bei Nartbcrg steht anf dem Berge die schöne Ruine Lichtencck, an deren Fuße in
neuester Zeit mehrere Villen und ein stattliches Eisenwerk entstanden sind. Nicht weit davon, in Mittcrdorf, wo
das Wasser aus dem Waldgrabcu von der Veitsch kommt, steht das Schloß Bühel, die Geburtsstättc des steirischcn
Dichters I. Kalchbcrg.
Und eine Stunde später ruhen wir anf einer grünen Höhe und betrachten des Mürzthalcs schönstes Bild.
Zur rechten Hand liegt der lebendige Blumenteppich einer Wiese; nebenhin stehen Kornhäuschcn, welche gestern
die Schnitter gebaut nnd die das kostbarste Dach haben von allen Gebäuden der Erde: ein Dach ans goldenen
Achrcn. Unten in der Niederung liegt der ansehnliche Ort Krieglach mit seinem altersgrauen Kirchthurinkeil. Kricglach,
dieser unscheinbare Ort, ist eine jener uralten Mcnschcnstättcn, die auf uns herübergekommen sind, wie eine Sage
in Stein gehauen. Die Schloßhcrrcn nnd Pfarrer haben über die ihnen untergebenen Orte keine Chronik geführt,
außer was Robot und Zehen, betraf, und so ist es der Phantasie des Volkes anheimgestellt geblieben, von dein
Ursprünge nnd der Geschichte seiner Heimat zu erzählen. Und vom Krieglachcr Thale erzählt die Phantasie des
Volkes so: Da ist einst ein grußer See gewesen, der hat sich vom Gansstcin bei Mürzzuschlag bis an den Wart^
berg hinab erstreckt. Auf diesem, von Urwäldern umschlossenen See ist allweg ein weißes Krüglcin geschwommen
Unser Vaterland
Steiermark und Kärnten
- Titel
- Unser Vaterland
- Untertitel
- Steiermark und Kärnten
- Autoren
- Peter.K. Rosegger
- Fritz Pichler
- A. von Rauschenfels
- Verlag
- Gebrüder Kröner
- Ort
- Stuttgart
- Datum
- 1877
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 28.1 x 42.23 cm
- Seiten
- 344
- Schlagwörter
- Wandern
- Kategorien
- Geographie, Land und Leute
- Geschichte Vor 1918