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Im Thale der INurz,
der Menschheit die Sehnsucht nach dem Göttlichen, nach der Idylle Eden-:- - daö Heimweh des Herzens nach dem
Herzen. — —
Und nun nehmen wir, noch einen letzten Blick auf die Leute werfend, Abschied von diesem Lande. Tie
Bewohner des Mürzthalcs, meist kräftige Gestalten, gleichen an Charakter und Lebensweise den Mur- und Enns-
thalcrn. Tie Kleidung ist hier nicht durchgeheuds steirisch, so wie diese malerische — aber freilich mitunter unprak-
tische Tracht — leider auch in den oberen, westlichen Theilen des Landes allmählig schwindet. Der Mürzthalcr ist
redlich und gcmüthvull, aber sein Wesen verlängnet anch eine gewisse Schneidigteit nnd Barschheit nicht. Er ist
conservatiu, aber nicht bigott, — ist mißtrauisch gegeu Frcmdec- und Neues. Jedoch sieht er die Zuzüge der Sommer-
frischler, die von Jahr zu Jahr zunehmen, nicht ungern, nnd man merkt doch in Allein den Einfluß, den Stadt
und Welt auf ihn üben. Tie alten Sitten und Traditionen verschwinden, und endlich lebt man im Mürzthale nicht
mehr anders, als wie etwa in der Umgebung Wiens. Außer es kommt einmal ein Taufgang, oder eine Todten-
bahre, oder ein Hochzcitszug aus einem der tiefen Bergthäler heraus — das bringt noch Ursprünglichkeit mit an die
Tämmc der Eisenbahn. Drei und vier Stunden weit drin in den hohen, entlegenen Waldthälern wohnen auch
noch Menschen, die ihr Taufwasser und ihren Hochzcitswein in der Pfarrkirche hcraußen holen müssen, uud die nach
vollbrachtem Tagwerk anf dein Friedhofc der Pfarrkirche ruhen wollen. Tie Feierlichkeiten sind stew pathetisch, oft
auch reich mit Possen vermischt nnd enden mit Essen nnd Trinken. Bei Begräbnisseil gibt es wenig laute Klage, aber
viel Glockengeläute; bei Hochzeiten viel Kränze und Bäuder nnd Mnsit lind Böllcrknall. Die alten Gebräuche
der Hochzeiten werden zuineist zu Hanse bei der Werbung, beim Frühmahle und bei der Rückkehr vom Hochzeit^
tage geübt, es sind deren so viele, daß ich den, der sich dafür interessiren mag, wohl auf inein „Volksleben in
Stcicrmark" verweisen mnß< Allmälig werden anch diese meist dem germanischen Alterthnm cntstammcndcn Sitten
verlöschen; jüngere Leute schämen sich hellte scholl der alteil Weise. Nnr der steirische Tan;, in welchem Kraft nnd
Anmuth so herrlich zum Ausdrucke kommen, der in seinen Mienen das ganze Menschenleben mit Freude lind Schmerz
plastisch lind lebendig darzustellen weiß — der deutschen Tanzkunst edle Blüthe, der Stcircrtanz wird gehegt lind
von der jungen Generation mit seiner Zither und seinen Liedchen, die dazu gehören, wieder nen zur Geltling ge-
bracht. Im Allgemeinen ist der Steircr ja so stolz auf sein Steirerthnm lind er kehrt es hervor wo er kann.
Aber dessen sich urcigentlich bewußt wird er erst, wenn er in der Fremde ist lind das Heimweh wach wird in
seinem Herzen. Gegen Heimweh, wenn es ihn einmal ergriffen hat, kämpft er vergebens an. — Kehrt der' Tteircr
aus den Weiten aber glücklich zurück nnd sieht er sie wieder, seine grüne Heimat, da quillt ihm wohl aus tiefster
Brust des Liedes Jauchzen:
u'!'cs schöne Hnu> i>l »n'i,i
mei» lieücs ^
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Unser Vaterland
Steiermark und Kärnten
- Title
- Unser Vaterland
- Subtitle
- Steiermark und Kärnten
- Authors
- Peter.K. Rosegger
- Fritz Pichler
- A. von Rauschenfels
- Publisher
- Gebrüder Kröner
- Location
- Stuttgart
- Date
- 1877
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 28.1 x 42.23 cm
- Pages
- 344
- Keywords
- Wandern
- Categories
- Geographie, Land und Leute
- Geschichte Vor 1918