Page - 179 - in Unser Vaterland - Steiermark und Kärnten
Image of the Page - 179 -
Text of the Page - 179 -
^lagenfurt und Umgebung.
eingeführt. Mit der Erweiterung der neuen Landeshauptstadt war es auf das Natürlichste zusammenhängend, daß
deutsche Gcwerbsleute evangelischen Glaubens vermöge Handelsfreibriefs herbeieilten; daß der junge Nachwuchs, der
bürgerliche nicht ausgenommen, von der Fackel der Neuzeit endlich aufgeweckt wurde und daß schließlich Klagenfurt
eine der rcformiertestcn Städte Oestreichs geworden ist. Seit 1604 war den Patres Jesuiten das evangelische
Bcthaus zur Dreifaltigkeit (jetzige Domkirche) übergeben worden, und man kann sich gut denken, was da drinnen
die Hauptarbeit der löblichen Rectoren seit Nicolaus Coronius geworden. Seit diesen Tagen waren die klagenfurtcr
Bürger und die Bewohner all der schönen Thäler um sechshundert Jahre zurückversetzt und mußten sich wie ihre
ehrsamen Altvordern als pure Heiden behandeln und retten lassen. Die „Buchführcr" waren gehalten, die bedenk-
lichen Schriften abzugeben, nur zwei Fleischer durften Fasttags feil haben, alle Hartnäckigen mußten mit Rücklassung
des Besitzzehntels auswandern. Das thaten die Edlen Khevenhiller, Ernau, Egg, Freibcrg, Welzer u. a.; ohne den
Schirm der Stände aber waren die Klagcnfurtcr völlig machtlos geworden. Der Jesuiten, denen man allerdings je
zuweil gar zu arg zugesetzt hatte, waren schon über fünfzig, und dennoch leben znr Stunde mehr, als die Gcsammt-
bewohnerzal der Hauptstadt beträgt, evangelische Christen im Kärnterlnnd. Es sind Siebcnzehntausend, mehrenthcils
um Feldkirchcn, Villach, Paternion, Gmünd, Hermagor.
Die Kriegszeiten bis 1648 waren für die Glanstadt auch durch Felderdürre, Brand und Aufstandfurcht
gekennzeichnet. An den Kampf der Rcichsländer erinnerte höchstens die Revolte der Schoffifchen Dragoner und
Ranftischen Musketiere, welche des Generals Leslie Nachfolger Locatelli nach Italien abführen sollte, der haftwcise
Aufenthalt der vier churfürstlichen Prinzen von Bahcrn, fünf- bis neunjährige Knaben, welche auch zu Schluß
Tanzcnberg und Loretto Zeitvertreib suchten (1706 — 1708). Der verheerende Brand von 1723 ließ wol wenige
von den sechstausend Bewohnern der Stadt ungcschädigt, aber alle Welt — wir wissen's — wurde ja für die
Franzosen aufgespart, um durch ihre Weltreich-Manie recht gründlich aufgerüttelt und aufgeschüttelt zu werden.
Wie im Großen, so im Kleinen. Im Jahre 1797, nach Mantua's Eroberung war's, da besetzten die aus dem
Canalthalc herangccilten Franzosen unter Masscna die eben von den Oestrcichern verlassene Stadt; der Commandant,
im Vischofspalastc eingeheimst, würde die schweren Leistungen und sein persönliches Geschenk von vielen tanscnd Francs
unfehlbar eingetrieben haben, hätte nicht der Obergcncral Vonaparte, den 30. März nachfolgend, das Verwaltungs-
wcsen mittelst einer Landcsmmmission glimpflicher angefaßt. Napoleons Wuhnhaus durch drei Tage war jenes des
Grafen Ferdinand Egger. Vernadottc und Iuubcrt folgten. Die ständischen Kanonen nahm der Feind zur freund-
lichen Erinnerung an den lcobcncr Frieden mit. Im Jahr 1805 sprengten die Reiter Massena's schon wieder
durch die Stadtthore herein, und nun galt Iago's Wort: ,,Thn Geld in Deinen Beutel". Die Matadore der
clfwöchcntlichen Bcsctzungszcit waren Marschall Ncy und General Gruuchi. Doch das sollte nur schwaches Vorspiel
sein. Seit Mai 1809 war ein vollständiges Kricgsbild aufgerullt. Hatte die Festungscrklärung schon die Bewohner
erschreckt, zumal sie zur Zeit der Waffenruhe erfolgte, so brachte der vollendete Friedensschluß noch Aergercs. Wahre
Rauhnächte und die friedlosesten Weihnnchtstage waren jene, welche das Jahr 1810 einleiteten; Tag um Tag ent-
setzliches Erplusionsgekrach, Sprengung kolossaler Bautenrcihen auf siebcnzig Klaftern Länge, nur um nie mehr an
den wuchtigen Wallgcfügen ein Hinderniß für den Frankenadlcr zu finden. So fallen auch drei mit Relief- und
Inschriftwcrk gezierte Stadtthore, das vierte gegen Ost kauft Cardinal Salm vom Untergänge um 30,000 Gulden
in Baneu los; dennoch hat es die jüngste Zeit demoliert. Zur Stadtverwüstung der große Finanztrach von 1811,
die Abreißung des Oberlandes mit der Zutheilung an Illyricn und Italien, Kriegsaufrcgung, Seuchen, schließlich
die hiesige Hofhaltung des Herzogs von Berry (1820) — darüber eilen wir billig hinaus. Seit den Freiheits-
kriegen ist der nach Kaiser Josephs I I . Tagen in den Frcimaurcrtreiscn erstickte Aufschwung des Geistes nur all-
gemach wieder hervorgetreten aus der Landeshauptstadt. In Kunst und Wissenschaft wurden gerade in der trost-
losesten Aera höchst gedeihliche Anregungen geboten und nicht bloß mit dem äußeren Kleide der Neubauten seit der
Eisenbahn-Periode, auch mit den geistigen Gründungen hat die Glanstadt dem Genius der Gegenwart gehuldiget.
back to the
book Unser Vaterland - Steiermark und Kärnten"
Unser Vaterland
Steiermark und Kärnten
- Title
- Unser Vaterland
- Subtitle
- Steiermark und Kärnten
- Authors
- Peter.K. Rosegger
- Fritz Pichler
- A. von Rauschenfels
- Publisher
- Gebrüder Kröner
- Location
- Stuttgart
- Date
- 1877
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 28.1 x 42.23 cm
- Pages
- 344
- Keywords
- Wandern
- Categories
- Geographie, Land und Leute
- Geschichte Vor 1918