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DEMSALZKAMMERGUT (A 1919) Streifen, die imBereich der Fremdenverkehrswerbung
eingesetzt wurden. Die im Bereich „Handwerk, Technik, Gewerbe und Industrie“
verorteten Filmewie GLÜHLAMPEN-ERZEUGUNG (A 1921), DIE ERZEUGUNG VON ZIGARET-
TENHÜLSEN (A 1920),WIENERKERAMIK (A 1920) oderMÖBELERZEUGUNG (A 1921) hatten
die industrielleVielseitigkeitundwachsendeökonomischePotenzdesKleinstaates
im In-, aber vor allem imAuslandunter Beweis zu stellen. Die implizierteWerbe-
botschaft konnte mehr oder weniger ausgeprägt sein. Beispielhaft verdeutlichen
dies zwei Filme, die unterMitwirkungderWienerModellgesellschaft vonder FHS
und unter der Regie Eduard Borsódys hergestellt worden waren. Der „Mode-
propagandafilm“343 KLEIDER MACHEN LEUTE (A 1920) präsentiert sich als klassische
Dreiecksgroteske. Ein verheirateter Mann begeistert sich für einemondän geklei-
dete Frau und verabredet ein Stelldichein im Türkenschanzpark. Seiner Gattin
bleibt dies nicht verborgen, sie zweifelt an ihrer eigenen Attraktivität. Auf Vor-
schlag ihres Bruders bestellt sie ein neues, modisches Kostüm, das letztlich mit
dazubeiträgt, dass ihr Gemahl reuig undbekehrt in den ehelichenHafen zurück-
kehrt. Nicht etwa dasModehaus steht imMittelpunkt derHandlung, sondern das
optische Konkurrenzverhältnis der beiden Frauen. Die im eigenen Heim Trübsal
blasende „unschuldige“Ehefrau in legerer,weißerwallender Kleidungmit Häub-
chen wird in einer Rückblende der lasziv agierenden, modernen Gegenspielerin
direkt gegenübergestellt. Die dominierenden Groß- und Naheinstellungen unter-
streichen die emotionalen Befindlichkeiten und Charakterzüge der Protagonistin-
nenundProtagonisten. Dermimische undgestischeAusdruckderDarstellerwird
in den Blickpunkt gerückt. Der Zuschauer bzw. vor allem die gutbürgerliche Zu-
schauerin als definitive Zielgruppewird direkt in das Geschehen einbezogen. Die
Demonstrationder unmittelbarenWirkungder neuenToilette dient als Beweis für
dieProduktempfehlung.
KLEIDERMACHENLEUTEbezieht sichallerdingsnicht nur auf dieneueanziehende
Ausstrahlungder Ehefrau, sondern auchauf denäußerenScheinderKonkurrentin.
IhrReiz ist rein oberflächlicherNatur, ihr unmanierliches und zudringlichesBeneh-
men (fehlende Tischmanieren, offene körperlicheAnnäherung) in derÖffentlichkeit
lässt ihr „wahresWesen“ klar erkennen.DieAbneigungdes beinahe treulosenEhe-
manns steigert sich zusehends.Die innereUmkehrundderErhalt des ehelichenGe-
lübdes vollziehen sich noch vor dem Anblick der neu eingekleideten Gattin. Die
Degradierung des Flirts erfolgt schließlich doppelt. Der Schwager wird beauftragt,
sich der „Ware“ anzunehmen: „Sei so gut und gehe in die Oper. In der LogeNr. 3
findestDueine jungeDame ...Sag ihr, ichbinplötzlichgestorbenundaufmeinem
Sterbebetthabe ichDichzumUniversalerbenallerbeweglicherGütereingesetzt.“Der
chauvinistischeScherz zeugt von einemmännlich konnotierten „Moralverständnis“,
343 ÖStA, AdR, Staatskanzlei-BKA, alt, Varia, Staatl. Bundes-Film-Hauptstelle, 1921, Ktn. 236, Zl.
572/3,Ggstd.:AustrittdesAufnahmetechnischerEduardBorsódy,Mai 1921.
6.1 PropagandafürStaatundVolk–DieStaatlicheFilmhauptstelle 79
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Der österreichische Werbefilm
Die Genese eines Genres von seinen Anfängen bis 1938
- Title
- Der österreichische Werbefilm
- Subtitle
- Die Genese eines Genres von seinen Anfängen bis 1938
- Author
- Karin Moser
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-062230-0
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 316
- Keywords
- Culture of memory, media history, advertising
- Category
- Kunst und Kultur