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photographiert, dasichdieDamenichtnuraufdasZuschauenbeschränkte.“Eine
Gruppe von Arbeiterinnen in einheitlicher Dienstkleidung klopft die gekühlten
Schokoladenstücke aus den Formen. Während die Kamera langsam nach links
schwenkt, kommt eine junge Frau ins Bild, die sich aufgrund ihrer Alltagsklei-
dung rein optisch vonden anderenunterscheidet unddie eifrig Schokoladenstü-
cke verzehrt. Eine Nahaufnahme mit einem direkt auf die Dame gesetzten
Lichtspot lässtdenZuschauerdirekt andievermeintlich„ertappte“Personheran-
rücken.ObderBeobachtungvorgeblicherschrocken,winkt sie letztlich freudig in
dieKamera.Diese „privat-persönlich“ anmutende Szenebringt zugleich ein stark
werbendes Element ein. Die Schokolade scheint so unwiderstehlich zu sein, dass
selbst eine Angestellte dieser Versuchung nicht widerstehen kann. Die Duldung
dieses Missverhaltens wertet Betrieb undWare auf: Die Firma beweist aufgrund
der Güte des Produkts Feingefühl hinsichtlich des „verzeihlichen und verstehba-
renVergehens“unddemonstriert zugleichpositivesEinverständnismitderBeleg-
schaft. Die Produktempfehlung folgt amEndedes Films (nach einer Totalansicht
mittelsVignetten-Kasch-MaskeaufdieFabriksanlagemit ihrenrauchendenSchlo-
ten). Ein Kind wird zum überzeugenden Testimonial: Der in frontaler Nahauf-
nahme präsentierte Bub stopft sich gierig Schokolade in denMund, wobei diese
aufdemGesichtbereits großflächigeFleckenhinterlassenhat.DiekindlicheTest-
person löst Empathie aus und bescheinigt durch ihre implizierte Unbestechlich-
keitdengutenGeschmackdesProdukts.
Anders als in DIE SÜSSE FABRIK steht in DER ZUCKERLONKEL der Appell an die
potenzielle Zielgruppe (Kinder bzw. deren Eltern etc.) nicht am Ende. Vielmehr
wirddiesezuBeginneingeführtund inZwischenschnittenalsReferenz laufend in
den Fokus genommen. Die Einstiegssequenz spielt in einem gutbürgerlichen
Haushalt (Spielzeug: Porzellanpuppen, Kinderwagen, Spielzeugauto, Schultafel;
Kleidung der Kinder: Kleider mit weißem Kragensatz, Haarmaschen, Jäckchen).
DerOnkel betritt dasKinderzimmer (Tür in derMitte desHintergrundsplatziert),
eilig laufen ihm die Mädchen entgegen. Den am Schreibpult sitzenden kleinen
Jungenhebt er hochund trägt ihn zu einer imVordergrund zentrierten,weiß la-
ckiertenSitzgruppe.MannimmtPlatz.Wechsel von totaler zuhalbtotalerEinstel-
lung:DerOnkel zieht einePapiertüte hinter seinemRückenhervor. DieMädchen
greifensofortnachdemSäckchen, er entzieht es ihnen.DerkleineBubbetteltmit
denHändenumdie Süßigkeiten. Bedeutungsvollmit Zeigefinger undgroßenGe-
sten beginnt der Oheim nun eingehend zu erzählen (Schnitt: Nahaufnahme des
Mannesmit demKind an seiner Seite, Schnitt/Groß:DieHanddesOnkels gefüllt
mit einer Zuckerlsorte). Es folgen Szenen aus den Pralineewerken der Firma
Meinl. Flüssige Massen werden Maschinenbehältern entnommen und per Hand
weiterverarbeitet– gewalkt, geformt, getunkt, sortiert, gewogen, portioniert und
verpackt. Auch in diesem Industriewerbefilm herrscht das Prinzip dermenschli-
chen Kontrollgewalt über dieMaschine vor. Die technische Einrichtung fungiert
als Werkzeug, das sich der Beobachtung durch die Fachkräfte nie entzieht. Ein
6.2 Werks-, Lehr-undWerbefilm 87
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Der österreichische Werbefilm
Die Genese eines Genres von seinen Anfängen bis 1938
- Title
- Der österreichische Werbefilm
- Subtitle
- Die Genese eines Genres von seinen Anfängen bis 1938
- Author
- Karin Moser
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-062230-0
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 316
- Keywords
- Culture of memory, media history, advertising
- Category
- Kunst und Kultur