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der verstärktenVerbreitung desMediums um 1906 immer lauter.390 Die vomBil-
dungsbürgertum initiierte Debatte um die Gefahr des „Schundfilms“ aktivierte
speziell inDeutschlandReformkinobewegungen. IhreVertreterbekämpfteneiner-
seitsdendurchdasKinobetriebenenvermeintlichensittlichenVerfallder Jugend,
andererseits diskutierten sie den sinnvollen Einsatz von „niveauvollen Bildungs-
filmen“ imSchulunterricht.391Auch inÖsterreich-Ungarn fanddieserGesinnungs-
kreis Befürworter. 1912 erfolgte in Wien die Gründung der „Zentralstelle für
wissenschaftliche undUnterrichtskinematographie“, die alle existenten „wissen-
schaftlichenFilme inEvidenz führte“, fürderenVerleihsorgteunddieProduktion
weiteren entsprechenden Materials förderte. Die Einführung von der Bildung
dienenden Schülervorstellungen in den „bestehenden besseren Kinos“wurde in
Kooperation mit dem „Reichsverband der Kinematographenbesitzer“ für den
Herbst 1912angekündigt.392
Nachdem sich imVerlauf des ErstenWeltkriegs der Filmals Propagandamittel
etabliert undweitreichend Akzeptanz gefunden hatte, zeigten staatliche Behörden
undPädagogenvermehrt Interessedaran,dasMediumnachhaltig indenUnterricht
zu integrieren.393 Dies kam auch der Filmbranche entgegen, die eine „regelrechte
EinführungdesKinos indenSchulen“ forderte.Manerhoffte sichdurchdenEinsatz
wissenschaftlicher Bildungsfilme, Kinder und Jugendlichemöglichst frühmit dem
Mediumvertrautzumachen,Verständnis fürundVertrauenindiese„Kunstgattung“
seitensderLehrerschaftundderElternzuerhaltenundletztlichdas ImagederKine-
matographie allgemein zu verbessern.394 Verlangte die nach dem Krieg wiederbe-
lebteKinoreformbewegung1925nochvehement,dieProduktionvonBildungsfilmen
zu fördern,395 sogingman indendarauffolgendenJahrendaran, indenSchulen für
denEinsatzdesFilms imUnterricht zuwerben. InWienwurdesogareineReihevon
Großschulkinos eingerichtet.396 Da es jedoch an explizit für den Lehrbetrieb
erzeugten Filmen fehlte, behalf man sich mit veralteten Reklamestreifen, die zu
390 DieAutorin zitiert hier Kapitel 3 ihresArtikels:Moser, Vom „öffentlichenÄrgernis“ zumPro-
pagandawerkzeug, Kapitel 3 „Kulturkampf gegen Schmutz und Schund“, http://ww1.habsburger.
net/de/kapitel/kulturkampf-gegen-schmutz-und-schund,30.11.2014.
391 Gertiser, Anita: Schul- und Lehrfilme, in: Zimmermann, Yvonne (Hg.): Schaufenster Schweiz.
DokumentarischeGebrauchsfilme1896–1964,Zürich2011,S. 383,388,390–392.
392 KinematographischeRundschau,„Zentralstelle fürwissenschaftlicheundUnterrichtskinemato-
graphie inWien“, Nr. 220, 1912, S. 11 und „Wissenschaftliche und Unterrichtskinematographie“,
Nr. 227, 1912,S.9.
393 Gertiser,Schul-undLehrfilme,S.392.DasKino-Journal,„DerFilmalsBildungsmittel“,Nr. 526,
1920,S.6und10.
394 Österreichische Film-Zeitung, „NeueWegeder Filmpropaganda“, Nr. 7, 11. Februar 1928, S. 19
f.und„KinoundJugenderziehung“,Nr.48,24.November1928,S. 10–12.
395 DasKino-Journal,„DerSchreinachdemBildungsfilm“,Nr.753, 1925,S. 1 f.
396 ÖsterreichischeFilm-Zeitung,„DerLehrfilminÖsterreich“,Nr. 10,5.März1927,S. 17 f.
6.3 Bildungs-undWerbefilm 91
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Der österreichische Werbefilm
Die Genese eines Genres von seinen Anfängen bis 1938
- Title
- Der österreichische Werbefilm
- Subtitle
- Die Genese eines Genres von seinen Anfängen bis 1938
- Author
- Karin Moser
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-062230-0
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 316
- Keywords
- Culture of memory, media history, advertising
- Category
- Kunst und Kultur