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stehteinEsstisch,andemsichdaszentraleGeschehenderHandlungvollzieht.Links
schließt ein Fenster mit Beistelltisch und Blumenvase den Rahmen ab. Im Hinter-
grund ist links eine Sitzecke zu erahnen, rechts thront eine schwere Kommode, auf
derKerzenleuchterundeinegoldeneStanduhrplatziert sind.KleineBilder sowieein
Gemälde schmücken die Rückwand. Ein genau über dem Kopf der Hauptakteurin
vonderDeckehängenderLeuchter definiert nicht nurdieMitteund somit dasZent-
rumdesRaums,aufgrundseinernachobenstrebendenForm„krönt“erdieProtago-
nistinundlässt siegrößererscheinen.DiediagonaleunddistanzierteAnordnungder
beiden Frauen (Mutter Reisleitner steht, die Tochter sitzt) verdeutlicht ebenso die
Machtverhältnisse (obenundunten)wiedieaufNiese zentrierte Lichtführung.Auch
dieMenge des Sprechtextes unterstreicht die Dominanz des Schauspielstars. Beide
Damensindgut situiert,modischgekleidet, jeweilsmitRockundBlusebzw.kurzär-
meligem Strickpullover (Tochter) sowie Halsketten als Accessoire. Die Mutter trägt
zudemeineschwarzeArbeitsschürzeüberderKleidung.
ImZwiegespräch,dastatsächlichehereinemMonologvonFrauReisleitnergleich-
kommt,wird die problematischeAusgangsposition sofort offengelegt. ImZugedieser
„Unterhaltung“erfolgteinWechsel zuramerikanischenEinstellung,diedasSpielNie-
ses visuell insZentrumrückt. TochterResimöchtedenBriefträgerKarl ehelichen.Die
Mutter hat aber aus pragmatischen Gründen längst eine andereWahl getroffen. Im
Greißler Wogurka hat sie den idealen Schwiegersohn gefunden: „Na, olso schee is
a ned, aber er ist vermögendund außerdem is er einGreißler und kommtwia’swü,
Greißler wird’s immer geben. Sie sind das Fundament des Staates.Wie das obamit
denBriefträgernwird,wenndieG’schäftsleut eines Tages draufkommen, dass ihnen
dievielenMahnbriefedonixnutzen,weujadokanazoilt,deswasmanatirlined.“
DieKomik liegthier sowohl im Inhalt als auch inderDarbietungdesGesagten.
EinabsurdesSzenario isterdacht:Schuldner,dieaufMahnbriefenichtmehr reagie-
ren, schaffendamitdenBerufsstanddesPostbotenab.Die tatsächlichprekärewirt-
schaftliche Lagewird somit auf ein kabarettistisch-satirisches Niveau gehievt und
letztlich entschärft. Das volkstümliche Spiel der Niese trägt dazu bei. In breitem
WienerischundunterEinsatz ihresganzenKörpersgibtsieeinerealistische,boden-
ständige, lebensnaheFrauausdemVolk.NurdieseLeichtigkeitmachtdienachfol-
gende glückliche Wende und die Auflösung des familiären Konflikts ein Stück
glaubwürdiger, als dies bei einer zu großenDramatisierungder tatsächlichenöko-
nomischprekärenZeitenmöglichgewesenwäre.
Tochter Resi versucht die Mutter zu ermuntern, doch zumindest einmal mit
ihrem Favoriten Karl zu reden, was von der Adressierten abgeschmettert wird:
„Duwillst vielleicht noch behaupten, dassma des große Losmit ihmgewonnen
haben.“AufdiesesStichwortklopft esanderWohnungstür,dieKameraschwenkt
nach rechts, einMannbetritt denRaum.Nunerfolgt die großeWende.DieHand-
lung gleitet insMärchenhaft-Phantastische ab, auch die DarstellungNieses wird
nun zusehends kabarettistisch überhöht. Der neue Protagonist stellt sich als ein
Angestellterdes„BankhausesSchelhammerundSchatteraamStephansplatz“vor
162 8 DieWerbefilmproduzenten:Etablierung,Organisation,Einflusssphären
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Der österreichische Werbefilm
Die Genese eines Genres von seinen Anfängen bis 1938
- Title
- Der österreichische Werbefilm
- Subtitle
- Die Genese eines Genres von seinen Anfängen bis 1938
- Author
- Karin Moser
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-062230-0
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 316
- Keywords
- Culture of memory, media history, advertising
- Category
- Kunst und Kultur