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einenahedemFeldgebauteKapelle,Bauersleute ziehenvorbei, vermitteln Impres-
sionenausdemeinfachenLandleben.
Die Zeile „Mattersburg, ein bedeutender Markt . . . “ leitet mit nachfolgendem
Panoramaschwenk–ausgehendvomKirchturmüberHäuserzeilenbiszueinemLa-
gerplatz,deran jenenderRoma-undSintifamilie erinnert–zumneuenSchauplatz
über. Der ergänzende Zwischentitel „ . . .hat ein sehenswertes Ghetto“nimmt eine
weitere Bevölkerungsgruppe des Burgenlandes in den Fokus. Straßenszenerien
zeigenMänner auf demWeg zur Synagoge sowie eineGruppe vonBuben, die sich
vordemGeschäftslokaleinesSchuhmachersnamensRosenbaumzusammenfinden.
Die Jungen tragenAlltagsmützen oder Kippa und kommenoffenbar arrangiert vor
derKamerazustehen.EineHalbtotalenimmtzwei eifriggestikulierendeBubenmit
traditionell religiöser Kopfbedeckung in den Fokus – eine weitere inszenierte
Szene.AbschließendeAufnahmen in einemHausgewölbewirkenebenfalls kompo-
niert: Einmal ist die Kamera zwischen einem Durchgang positioniert. Eine alte
Damewartet offenbar auf ein Zeichen, das sie zumLosgehenmotiviert. Daraufhin
betritt eineweiterealteFraudieSzenerieundblicktkurz inRichtungdesObjektivs.
DienächsteEinstellungzeigtAufnahmenvomZentrumdesHofs–einKind imPar-
terredreht sichzumKameramannum,aufder erstenEtageblickeneinälteresPaar
undein jungerMannindieTiefe.
Gezielt setzt Köfinger hier auf die Montage unterschiedlicher Bevölkerungs-
gruppen, Szenerien und Typen, um die Schaulust voranzutreiben, wobei er mit
den textlichen Hinweisen auf „Zigeuner“ und das jüdische „Ghetto“ die „Ande-
ren“ klar benennt, während die Menschen im Dorfidyll keiner Gruppenzuord-
nung bedürfen. Was sie alle eint, ist die Einfachheit, die Schlichtheit ihres
Lebens. Ein durchaus „armes“ Land, dessen Bevölkerung großteils bescheiden
und vor allem von der Landwirtschaft lebt, präsentiert KREUZ UND QUER DURCHS
BURGENLAND. Einzig in der Landeshauptstadt Eisenstadt und am Neusiedler See
ist ein städtisches Treiben bzw. ein bürgerlich anmutendes Ambiente greifbar,
wobei hier Einheimische und Besucher nicht immer klar voneinander zu tren-
nen sind.
Köfingers Filmschaffen zeugt von seinem Organisationstalent (wo und wann
sindattraktiveSzenenzudrehen), seinemtechnischenWissenundseinervisuellen
Vorstellungskraft (wie ist dieKamera richtig zupositionieren,wie ist dasLicht ein-
zusetzenundwie arrangiertmanMenschenundObjekte), seiner Improvisationsfä-
higkeit (dasErkennenvisuellansprechenderSzenenunddasFesthaltensolcherper
Kamera) und seiner langjährigen Lehrtätigkeit (wie vermittle ich räumliches, stoff-
liches oder technischesWissen anschaulich). Seine Arbeiten sindmehrheitlich so
konzipiert,dassderenvielfältigerEinsatzalsWerbe-,Lehr-oderKulturfilmgewähr-
leistet war. Dies war ein Grund für die weite Verbreitung und Bekanntheit seiner
Produktionen. Zugleich wirkte dieses Konzept im Bereich desWerbefilmschaffens
spätestens ab Mitte der 1930er-Jahre zunehmend veraltet. Ab diesem Zeitpunkt
setztesichderKurzwerbefilmimmermehrdurch.
174 8 DieWerbefilmproduzenten:Etablierung,Organisation,Einflusssphären
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Der österreichische Werbefilm
Die Genese eines Genres von seinen Anfängen bis 1938
- Title
- Der österreichische Werbefilm
- Subtitle
- Die Genese eines Genres von seinen Anfängen bis 1938
- Author
- Karin Moser
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-062230-0
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 316
- Keywords
- Culture of memory, media history, advertising
- Category
- Kunst und Kultur