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seiner Frau zu vermeiden. Daraufhin rät ihm einer der Freunde, seiner Frau doch
durch die Anschaffung von Gasgeräten eine Freude zumachen. Diverse Gasgeräte
werdenpräsentiert,derOff-Kommentarerläutert:„FreudeundBequemlichkeitdurch
die Gasgemeinschaft. Alle diese Geräte erhalten Sie gegen zinsfreie Teilzahlungen
durch die Gasgemeinschaft beim Gaswerk und in allen Fachgeschäften, die dieses
Zeichen tragen!“Das Signet der GasgemeinschaftWienwird eingeblendet. Auch in
dieserProduktionvollzieht sichderWechselvomAlltagschwankzurWerbebotschaft
holprig. Es könnte sichhierbei umeinenBlancofilmoder zumindest umeinGrund-
konzept zu einem solchen gehandelt haben.785 Mit diesem grundsätzlichen Aufbau
desSpotshätte ebensoeinParfümoderSchmuckstückbeworbenwerdenkönnen.786
Das imWerbefilmklassischangewandtePrinzipExposition–Komplikation–Auflö-
sung–CodaundFolgerung787 fehlt indieDIEWUNDERNACHTgänzlich,beiALLENEUNE
wirdes letztlichnichtbefriedigendaufgelöst. Zur zumindest glaubhaft angedeuteten
positivenAuflösung–die Ehefrau ist beglückt über dieneuenGeräteund somit für
geraumeZeit zumindestausgesöhnt (Coda/Folgerung)– fehlt es schlichtaneiner vi-
suellen Aufbereitung des Versprochenen. Der Vorschlag des Freundes und der Off-
Kommentarsinddazuschlichtnichtausreichend.
Ein typisches Merkmal, das sich durch eine Vielzahl von Filmen der Firma
Mayer zieht, ist der Hang, ein spezielles Lokalkolorit einzufangen. Das Produkt
oder die Dienstleistungwird vor allem auf sprachlicher undmusikalischer Ebene
mitOrten,MenschenundLandschaftenverbunden. ImZentrumstehendasWiene-
rische Idiom sowie dasWienerMusikliedgut, sofern das zubewerbendeUnterneh-
men inWien sesshaft ist.788 Alltagsszenerien– ob der allgemeine Bassenatratsch,
Freizeitaktivitäten oderArbeitssituationen– gebenhier immerwieder denvertraut
anmutendenRahmenab.789 EntsprechendeAdaptionen finden sichbei Filmen,die
andersverorteteProdukteanpreisen.
In 1000METERHÖHER (A 1937)werdenVorarlberger Landschaften, Folkloreund
Lebensfreude zum zentralen emotionalen Drehpunkt. Der Filmtitel erscheint vor
einer zeichnerisch stilisierten Fabriksanlage, wenn nicht sogar Industriestadt, mit
rauchenden Schloten. Die Kamera schwenkt nach oben und kommentiert so letzt-
lich dennachfolgendenTitel 1000METER HÖHER. Über der Industrieanlage erschei-
nen weiße Bergwelten, die Fanfarenklänge gehen in Jodelgesänge über. Die
785 Vgl. dazu die Erläuterungen im Kapitel „Verband der Kurzfilmhersteller: Ausschaltung der
Konkurrenz,SicherungvonEinflusssphären,Eigenwerbung“.
786 Viel ausgeklügelter gestaltet sichhingegenderAdiMayer FilmFLITTERWOCHEN, der gleichfalls
fürdieWienerGasgemeinschaftwirbt.Siehedazu:http://stadtfilm-wien.at/film/29/ (2. Juli 2016).
787 Vgl. dazuHeiser,Drehbuch,S.82–86.
788 Neben demWiener Bohème-Quartett bietet bei denMayer-Filmen etwa auch der Sänger und
Heurigenbetreiber Franz Schier seinKönnendar. Letzterer bewirbt dabei sein eigenesHeurigenlo-
kal:EINWIENERHEURIGERLADETSIEEIN (A1938,L:28m).
789 Z.B.:DIELIEBENNACHBARN(A1936,L:90m),ALLENEUNE (A1938,L:42m),ERWEISSALLES (A1935,
L:40m). 8.4 Werbefilmproduzenten imPorträt 179
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Der österreichische Werbefilm
Die Genese eines Genres von seinen Anfängen bis 1938
- Title
- Der österreichische Werbefilm
- Subtitle
- Die Genese eines Genres von seinen Anfängen bis 1938
- Author
- Karin Moser
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-062230-0
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 316
- Keywords
- Culture of memory, media history, advertising
- Category
- Kunst und Kultur