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OrtdasGeschehenüberwacht, inKontaktmitdenTieren tritt, sieberührtundschließ-
lichsogardie frischgemolkeneMilchausderKanneschöpftundtrinkt,Bodenhaftung.
DasösterreichischeStaatsoberhaupt istzugleichderQualitätsgarant.837
Die Präsentation der guten Tierhaltung, des gefälligen natürlichen Ambientes
und der staatlichen Autorität erwecken auf der emotionalen Bildebene das Ver-
trauen indie ursprünglicheundgesundheitsförderndeKraft unddieGüte des Pro-
dukts. Auf der rationellen Ebene wird das Prinzip Effizienz eingebracht. Ein
preisgekröntes Tier des Guts wird vorgeführt. Die Tagesleistung der Preiskuh be-
trägt bis zu 32 Liter. EinErfolg, der imSinnedes zuvor geführtenArgumentations-
strangs auf das natürlicheUmfeld unddie vonhöchster Stelle garantierten besten
Haltungsbedingungen zurückzuführen ist. Heimat, Natur und Qualität sind über
denKonsumdesProduktsdirekteinzuverleiben.
Der Demonstration des Verzehrs wird dementsprechend auch genügend Raum
gegeben.DiedenTopoi„Genuss“und„Wirkkraft“gewidmetenSequenzendesFilms
unterscheidensich inderAnmutungallerdingsgrundsätzlich.Dieerste inderMilch-
trinkhalle desWiener Volksgartens angesiedelte Szenerie ist von beredter Fröhlich-
keit. Frauen,Männer undKinder bevölkern denPavillon. Die Aufmerksamkeitwird
perVignetten-Kaschaufein (vonderKamera) leicht irritiert erscheinendesKleinkind
gelenkt, das seineMilchflasche fest umklammert. Ein Schwenküber dieMilchtrink-
halle stellt einen regenBesuchunterBeweis. FreudighebtmandasGlas, trinkt voll
Genuss, blickt direkt, appellativ in die Kamera. Ein schmackhaftes Getränk für die
ganzeFamilie istderGrundtenordersachlich inszeniertenAufnahmen.
Völlig insGroteskegleitenhingegen jeneSequenzenab,dieSeffsKonsumverhalten
zumThemahaben.Lehntervorerst ein ihmangebotenesGlasMilchbrüskab(„Trinken
kannmandas dochnicht!“), so kommt er letztlich doch auf denGeschmack („Ja, das
schmeckt ja eigentlich großartig!“). Euphorisch eilt er los, leert einenKrugMilch, ent-
wendet eineMilchkanneundkauft in rauschhaftemÜberschwangUnmengenanKäse.
ImFolgendenwirddieDemonstrationeinerabsurdenKonsumpraxismiteinerersehnten
Wunscherfüllunggekoppelt.„MilchgibtKraft“,„SportstähltundformtdenKörper“ lau-
tendie visuell umgesetztenBotschaften.Daspräsentierte Setting teilt sichgleichfalls in
zweiHemisphären:Auf der einenSeite sindSportgeräte zur körperlichenErtüchtigung
verfügbar,aufderanderenSeite liegenMilchproduktezurStärkungbereit.Seff–nunin
sportlicher Kleidung, aberweiterhin seineMarkenzeichenBrille undMelone tragend–
vereint, sein Ziel vorAugen, beideBereiche.Mit der einenHanddribbelt er einenBall,
mitderanderenführtereineMilchflaschezumMund.UnterderAnleitungeinesTrainers
wird nun auch ein Punchingball malträtiert. Es folgt in stakkatoartiger Abfolge ein
„Schlagbild“, aufeinenappellativen„Zwischenruf“ (nachMilchoderKäse),aufeinBild
837 Die nachfolgendenAusführungen entsprechen überweite Teile hinweg einer Analyse, die von
der Autorin dieser Arbeit 2012 erstellt und veröffentlicht wurde. Siehe: Moser, „Hygienisch -
gesundheitsfördernd–schmackhaft“,http://www.medienimpulse.at/articles/view/641, (30.11.2014).
8.4 Werbefilmproduzenten imPorträt 193
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Der österreichische Werbefilm
Die Genese eines Genres von seinen Anfängen bis 1938
- Title
- Der österreichische Werbefilm
- Subtitle
- Die Genese eines Genres von seinen Anfängen bis 1938
- Author
- Karin Moser
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-062230-0
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 316
- Keywords
- Culture of memory, media history, advertising
- Category
- Kunst und Kultur