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abgelenktwirdunddie ihmpräsentierteWerbungzurKenntnisnehmenmuss, ober
nun will oder nicht“.873 Letztlich sei auch der „Prozentsatz der Kinobesucher, die
einenWerbefilm sehenmüssen (im Durchschnitt 100 Prozent, schlimmstenfalls 70
oder 80 Prozent) erheblich höher als der Leseranteil eines Zeitungsinserats.874 Bei
einer 1933 angeführten Anzahl von etwa 600 Kinos in Österreich, davon rund ein
Viertel inWien, zähltederwerbendeFilmdurchaus zu einemWerbemittel, das eine
gewisseReichweite zuerlangenvermochte.875Wobei einGeschlechtergefälle konsta-
tiert wurde: 70 bis 80 Prozent der Kinobesucher waren – laut den Fachblättern –
Frauen.876 Empfohlenwurde denper Film reklametreibendenFirmen, auf ein gutes
Haupt-Kinoprogrammzuachten, dader Besucherstromdannaucherheblich größer
sei.877AußerdemsolltederGeschäftsführeroderderzuständigeWerbeleiterüberden
gesamtenProduktionsprozessaktivanderGestaltungdesReklamefilmsmitarbeiten:
Alle EinzelheitendesDrehbuchswären vor derAuftragserteilung zu klären, bei den
Aufnahmen hätte man anwesend zu sein, Kritik solle man immer sofort unge-
schminktüben,dieAbnahmewäre frühzeitig anzusetzen,umnochÄnderungsoptio-
nen zu haben, und einen Film, mit dem man nicht zufrieden sei, solle man
keinesfallsannehmen.878
Dochwie sah ein perfekterWerbefilm aus?Welche Kriterien hatte er zu erfül-
len?Hier schieden sichmitunter die Geister. Einigwarman sich allerdings darin,
dassman imKino kurzen Filmen denVorzug geben sollte, wobei eine Länge von
„15 bis 150Meter“bzw. von „30Sekundenbis 5Minuten“angemessenerschien.879
Zu schnell wäre das Publikum sonst wohl gelangweilt, und auch die Kinobesitzer
würden kurzen Reklamefilmen den Vorzug geben.880 „Das Kino“wäre – so hieß
873 Reklame-Presse,„FilmwerbungundWerbefilm“,Nr. 2,September1936,S. 2.
874 Verkaufspraxis, „Was zur Kinoreklame außerdemgesagt werdenmuß!“, Nr. 11, August 1930,
S.666.
875 Contact, „WerbungdurchdenFilm“,Nr. 12,Dezember 1933, S. 17. ZahlenüberdieAuslastung
derKinos liegen allerdingsnicht vor. Einzig ausDeutschland fand sich einBericht, der die „Kino-
sitzplatz-Ausnutzung“ inBerlindes Jahres 1933vorlegte. ImDurchschnittwarendieKinos inBerlin
zu 73,8 Prozent ausgelastet, wobei im Jännermit 88,8 Prozent der höchste und im Junimit 46,5
ProzentderniedrigsteWert ausgewiesenwurde.Vgl.:Verkaufspraxis,„Streu-undTreffmöglichkei-
ten inderKinowerbung“,Nr.8,Mai 1935,S.485 f.
876 MitunterwurdeaufgrunddesGeschlechtergefällessogardavonabgeraten, für„Männerartikel“
wie etwa „Autos, Motorräder, Kragen, Landparzellen oder Glatzenbeseitiger“ im Kino zuwerben.
Siehe: Verkaufspraxis, „Warum noch immer dieselben Fehler?“, Nr. 9, Juni 1933, S. 573 sowie
„Streu-undTreffmöglichkeiten inderKinowerbung“,Nr.8,Mai 1935,S.486.
877 Verkaufspraxis,„Streu-undTreffmöglichkeiten inderKinowerbung“,Nr.8,Mai 1935,S.483.
878 Verkaufspraxis,„Undwiedereinmal:DerWerbefilm“,Nr. 2,November1934,S. 124.
879 Verkaufspraxis,„FilmwerbungimEinzelhandel“,Nr. 10, Juli 1935,S. 595.
880 Österreichische Film-Zeitung, „Der Reklamefilm“, Nr. 22, 3. Juni 1933, S. 4 sowie ebd.,
„Internationale Werbefilmschau“, Nr. 49, 9. Dezember 1933, S. 4. Goergen, Jeanpaul: Julius
Pinschewer. Künstler und Kaufmann, Pionier des Werbefilms, in: Epd Film, Nr. 3, März
1992, S. 18.
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Der österreichische Werbefilm
Die Genese eines Genres von seinen Anfängen bis 1938
- Title
- Der österreichische Werbefilm
- Subtitle
- Die Genese eines Genres von seinen Anfängen bis 1938
- Author
- Karin Moser
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-062230-0
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 316
- Keywords
- Culture of memory, media history, advertising
- Category
- Kunst und Kultur