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erfolgreicher Reklamefilm „losknallen“ sowie „raunende Bewegung, Kichern,
Geflüster und Unruhe“ im Auditorium auslösen.Wirksamwäre einWerbefilm –
seinerErfahrungnach–,wenner „vomAufbauklar, eindeutig, übersichtlichund
ein wenig primitiv“ sei. „Besonders liebevoll“ gemachte Reklamestreifen, mit
„einemSchuss Sentimentalität, Romantik oder gar von dramaturgisch-gelehrtem
Aufbau [. . .] verpufften“ hingegen allzu leicht.892 Der praktische Kinofachmann
wisseesgenau:„WenndernobelangezogeneHerrunvermutet ineineDunggrube
fällt, oderwennderBösewichtmit der eisernenBratpfanneeinsüberdenDeez893
kriegt, dass die Funken sprühen, oder wenn der notorische Schwächling seinen
überlegenen Gegner ein Beinchen stellt, dass dieser sich das Nasenbein bricht.
Solche und ähnliche Situationen vermögen in ihrer Drastik undUnverfälschtheit
unmittelbar anzuspringen und zu zünden, dass das Publikum vor Vergnügen
wiehert, einerlei obUrahne,Großmutter,Mutter oderKind.“894DerBerlinerKino-
unternehmer präsentierte letztlich noch ein Fünf-Punkte-Schema, das einen er-
folgreichen Werbefilm (zumindest aus der Perspektive des Lichtspielbetreibers
undseinerKundschaft) garantierensollte:
1. „Aufmerksamkeits-Erregung, einerlei ob optisch oder akustisch oder beides
gleichzeitig.
2. Steigerung,scharfundrasch.
3. Darstellung der Kaufvorteile mit etwas knalliger Beweisführung, etwa auch
unterEinfügungeinesdrastischenScherzes.
4. GegenüberstellungvongroßerLeistungundgeringemPreis.
5. Ganz ohneweiterenÜbergang in schneller Überraschungund Steigerung zum
KernpunktdesAngebotes“895kommen.
Die in den Fachblätternwiedergegebenen Stimmen zeugen von recht unterschied-
lichenGeschmäckernundBegehrlichkeiten seitensderKurzfilmhersteller, derVer-
kaufs- und Werbeleiter der Firmen, die sich insbesonders in der Verkaufspraxis
finden, undder Kinobetreiber, die ihr Publikum imFokushatten. Besonders kont-
rär erscheinen aber die Vorgaben des Berliner Lichtspielbetreibers angesichts der
Richtlinien, die seitens der heimischen Werbeexperten für den österreichischen
Markt ausgegebenwurden. Gerade einemarktschreierische Variante der Reklame,
dasallzu„geräuschvolleundkeulenschwingende inSzenesetzeneinerPersonoder
einer Leistung“, würde man im „Kunst- und Kulturland Österreich“ ablehnen.
„Niveau“, „Gefühl“ und „kultivierte Zurschaustellung“müsse man auch bei der
892 Verkaufspraxis,„DerKinobesitzer sprichtüberdenWerbefilm“,Nr.6,März1933,S.369 f.
893 Anmerkung:mitteldeutsch,umgangssprachlich für„Schädel“.
894 Ebd.
895 Ebd. 9.1 VorführbedingungenundStilfragen 209
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Der österreichische Werbefilm
Die Genese eines Genres von seinen Anfängen bis 1938
- Title
- Der österreichische Werbefilm
- Subtitle
- Die Genese eines Genres von seinen Anfängen bis 1938
- Author
- Karin Moser
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-062230-0
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 316
- Keywords
- Culture of memory, media history, advertising
- Category
- Kunst und Kultur