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Wirtschaftspropaganda voraussetzen.896 Zudem ließman sichmitunter auf einen
direkten Vergleich mit Deutschland ein, denn Österreich sei – so das Fachblatt
Österreichische Reklame – „keine Filiale Preußisch-Berlins“.897 „In Deutschland,
diesemLanddesherzlosenVerstandes,herrschtdieWerbelogik.Sie istunerbittlich.
Undeiskalt.“ InÖsterreichhingegendominieredas„Stilgefühl“, das„unendlichsi-
cherer“ sei „als dasBerlins“. PrinzipiellwäredieheimischeReklamevondrei Cha-
rakterzügen geprägt: „Stilgefühl, Grazie und Pessimismus“. Letzteren begründete
der Autormit dem „benachbarten Slawentum“, das sich durch eine „träumerisch-
energieloseFreudeanTrauer“unddurcheineneinwenig„fatalistisch-resignierten
Orientalismus“auszeichne.898
Das kulturell mentale Erbe der Monarchie war demMagazin Österreichische Re-
klameoffenbareinAnliegen,wobeihiereinenostalgischüberhöhteDarstellungzukon-
statieren ist. „Elf Nationen“, die sich einst in Österreich-Ungarn zusammenfanden,
hätten demBlatt zufolge ein „überaus reizvolles, liebenswürdiges Ergebnis gezeitigt“,
nämlich„dieösterreichischeAbartderdeutschenKultur“.DiesoentstandeneKultursei
eine„desVerstehens,derVersöhnlichkeitundderDuldsamkeit“.899„Deutsche,Magya-
ren, Kroaten, Slowaken, Slowenen, Tschechen, Polen, Ruthenen, Rumänen, Italiener
undLadiner“900hätteneinst„ihreBestenzumMilitär, indenBeamtenstand,alsLehrer,
KaufmannoderKünstler indasGebietdesheutigenÖsterreich“entsandt,„sodass sich
indengrößtenStädten,voralleminWien,dieverschiedenstenKulturenkreuzten“.901
„DerWiener“wurde dabei in der FachzeitschriftÖsterreichische Reklame nicht
seltenmit„demÖsterreicher“902gleichgesetzt.DabeigabmanTipps,diezeigensoll-
ten, wie der vermeintlich „konservative, indolente und reklameaufnahmeunfähige“
ÖsterreicheroderWiener„werbepsychologisch“ambestenzuerreichenwäre:903
DerWiener liebtnaturalistischeDarstellungen inbunten, frischen,aberuntereinanderharmo-
nierendenFarben. [. . .] Er sieht gernehübscheGestalten, speziell sieht er gernedas Ideal der
schönenWienerin, er verpönt aber zu sehr in denVordergrund gerückte Erotik. Herzigmuss
dasBildsein,danngeht’sdemWienerzumHerzenundindenSinn.
896 Contact, „Wirtschaftspropaganda“, Nr. 5,Mai 1935, S. 10.Österr. Reklame-Praxis, „DieWiener
Messeund ihreWerbung“, Februar/März1936,S.7.
897 ÖsterreichischeReklame,„Stil,GeschmackundRasse“,Nr.5/6,Dezember1927,S.7 f.
898 Ebd.
899 ÖsterreichischeReklame,„ÖsterreichischeReklame“,Nr. 1, 1929,S.7 f.
900 Serben,BosniakenundJudenbleiben inderAufzählungderÖsterreichischenReklameausges-
part. Eine Identifizierungmit diesenVolksgruppen passte offensichtlich nicht in das eigene, kon-
struierte„Österreich-Verständnis“.
901 ÖsterreichischeReklame,„ÖsterreichischeReklame“,Nr. 1, 1929,S.7 f.
902 Prinzipiell bezogmansich indenArtikelnaufdenmännlichenTeil derBevölkerung. Textele-
mente,welchedie„Wienerin“oderdie„Österreicherin“ indenFokusnahmen,konzentrierten sich
ausschließlichaufdieweiblicheZielgruppe.
903 Die nachfolgenden Zitate stammen aus: Österreichische Reklame, „Was essen Sie am lieb-
sten?“,Nr. 1, 1929,S. 24 f.
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Der österreichische Werbefilm
Die Genese eines Genres von seinen Anfängen bis 1938
- Title
- Der österreichische Werbefilm
- Subtitle
- Die Genese eines Genres von seinen Anfängen bis 1938
- Author
- Karin Moser
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-062230-0
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 316
- Keywords
- Culture of memory, media history, advertising
- Category
- Kunst und Kultur