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Hinsichtlichderökonomisch-inhaltlichensowieästhetisch-stilistischenGestaltung
lassensich innerhalbdesWerbe-undIndustriefilmkorpusUnterschiede,aberauchGe-
meinsamkeiten ausmachen. FilmemitMehrzweckfunktion zeugtenvoneinembelehr-
endenCharakter,präziseausformulierteZwischentitelerläutertenVorgängeundgaben
vor,wiedieBilderzulesenwaren.ZwischenÜbersichtundDetail,DominanzundKon-
trolle (der Maschinen, aber auch der Menschen) komponierte man gefällig erschei-
nende Produktionsprozesse. Immer wiederkehrende Topoi wie „Technik/Moderne/
Hygiene“, „Qualität, PräzisionundKontrolle“, „Bodenhaftung/Natur“, „Traditionund
Moderne“ sowie„GenussundWirkkraft“wurdenargumentativaufderText-undBild-
ebeneumgesetzt.
Reklamefilme, die explizit für denKinoeinsatz bestimmtwaren, verbargenvor-
erst oft ihrenWerbecharakter. IndenAnfangssequenzenmuteten siebisweilenwie
ein Spielfilm an oder erinnerten über weite Strecken an touristisch motivierte
Filme.EineVielzahlderFilmehielt andemklassischangewandtenPrinzipExposi-
tion–Komplikation–Auflösung–CodaundFolgerung fest.EineProblemsituation
wurdekonzipiert, dasProduktbzw.dieDienstleistungbewirkteneinepositiveVer-
änderung. Die Leistungs- bzw. Wirkungskraft wurde nochmals bestätigt, der
Schlussappell folgte. Innerhalb dieses klar strukturierten narrativen Aufbaus bot
sichoft eineGebrauchsdemonstrationan.Die richtigeHandhabungvonProdukten
und Geräten wurde anschaulich vorgeführt, ein situationsbedingtes Verhaltens-
schemavorgegeben.
Die indenFilmenpräsentiertenZielgruppengehörtenderKleidung,Szenerie
undderenHabitus folgendvornehmlichdemMittelstand, zuweilendemgehobe-
nen, „gutbürgerlichen“Milieu an. Vereinzelt tretenArbeiter (DER GEISTIGE ARBEI-
TER) oder Bauern (1000 METER HÖHER) in Erscheinung. In denWerbefilmen der
1910er- und 1920er-Jahre ist auchdasGroßbürgertumalsAdressat auszumachen
(WIE NINETTE ZU IHREM AUSGANG KAM, KLEIDER MACHEN LEUTE, DER VIERERZUG, DIE
ENTSTEHUNGEINESMODELLKLEIDES ZURWIENERHERBSTMODE1920).Mehrheitlichsind
es jedoch Vertreterinnen und Vertreter des Mittelstands, die zum Erwerb von
Klassenlosen, Kosmetik- undReinigungsutensilien, zumBesuch einerGaststätte
oder zumAntritt einer Reise etc. animiert werden sollen. Sie sind die zentralen
Identifikationsfiguren, die der Lösung eines Problems oder dem Erleben von
Glücksmomentenamnächstensind.
Mit demTonfilmeröffnete sich einePalette anMöglichkeiten,mittelsMusik,
SpracheundHumordieNarrationvoranzutreibenundemotionaleBezugspunkte
zu schaffen.ÜbermusikalischeElementewurdenSzenerieundHandlungunmit-
telbar verortet (Underscoring). Obman sich nun an einem fremden, exotischen
Ort oder inmehr oderweniger vertrauten Gefildenwiederfand,wurde überMu-
sikmotive erzählt (z.B. EIN ORIENTALISCHES WUNDER, PUSZTAKLÄNGE, EIN WIENER
HEURIGER LADET SIE EIN). Feinheiten des Dialekts schufen Nähe und Vertrauen
und eröffnetem dem auf den Nuancen der Sprache basierenden Humor weite
Spielräume der Entfaltung (z.B. MESALLIANCE). Auf der tonalen Ebene ließ sich
11 Schlussbetrachtungen 247
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Der österreichische Werbefilm
Die Genese eines Genres von seinen Anfängen bis 1938
- Title
- Der österreichische Werbefilm
- Subtitle
- Die Genese eines Genres von seinen Anfängen bis 1938
- Author
- Karin Moser
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-062230-0
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 316
- Keywords
- Culture of memory, media history, advertising
- Category
- Kunst und Kultur