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gestaltenmögen–daseine ist sicher,dassStaatundGesellschaftvorganzneue
Aufgaben gestellt, dass ungeheure volkswirtschaftliche, soziale, organisatori-
sche Probleme zu lösen seinwerdenund dass zu derenBewältigung die Frei-
machung und Entwicklung aller in der Bevölkerung vorhandenen geistigen
Kräfte erforderlich ist.«128
Dieser Antrag entfaltete ebensowenigWirkung wie die vorhergegangenen
und auchwie jener desBundes österreichischer Frauenvereine. Letzterer hatte
sichandenAkademischenSenatderUniversitätWiengewandt,der jedochden
Beschluss fasste, dass die Zulassung der Frauen gerade zu diesem Zeitpunkt
äußerst ungeeignetwäre,weil sie dieunterWaffen stehendenmännlichenStu-
dierenden benachteiligen würde. Entsprechend zynisch kommentierte die
FrauenrechtlerinLeopoldineKulkainneunPunkten,warumeswohlunpassend
sei: »1. haben sich die Frauen während des Krieges auf allen Gebieten als
überflüssig und unbrauchbar erwiesen.2. Dürfte nach dem Krieg Staat und
Volkswirtschaft für keinerleiKräfteVerwendunghaben.3.Wird einÜberfluss
anMännerndasein,wienievorher. 4.SindderzeitdieHörsälemitmännlichen
Hörern soüberfüllt, dass fürweibliche keinPlatz gemachtwerdenkann.5. Ist
dieExistenzallerMädchenundFraueninZukunftsogesichertwienochnie, so
dass esganzverfehlt erscheint, ihnenneueBerufe zueröffnen […]«etc.129
Tatsächlichwaren Frauen in den Jahren des ErstenWeltkriegs an derUni-
versität, also an der Philosophischen undMedizinischen Fakultät, verhältnis-
mäßigstarkpräsent,weileinGroßteildermännlichenStudenteneingerücktwar.
Dies weckte dieMissgunst jener, die durch denKriegsdienst ihre Ausbildung
unterbrechenmussten,undwarhinsichtlichderallgemeinenStimmungeinem
neuerlichenAntragansUnterrichtsministeriumnichtgeradezuträglich.Gegner
derFakultätsöffnungwieHermannReitzer, Jurist imKriegsministerium,sahen
in den Bildungsbestrebungen der Frauen nämlich »eine ernste Gefahr für die
Universitätshörer im Soldatenrock« in Hinblick auf deren Karrierechancen.
Denn Frauen würden sich »vielfach nur ein Taschengeld verdienen wollen«,
daher als Lohndrückerinnen auftreten und somit denKriegsheimkehrern das
Leben erschweren. Reitzer zog im Jänner 1918 unter dieDebatte den Schluss-
strich:»DieMännerfrageist jetztwichtigerundaktuelleralsdieFrauenfrage«.130
DieserGegnerschaft entsprechendwardasMinisteriumbereitsdamitbeschäf-
tigt,eineandereIdeeaufzugreifen,dieAntwortaufgleichzweiKriegswirkungen
geben sollte, ohne das Jusstudiumpreiszugeben: nämlich auf die Bildungsbe-
strebungenderFrauenundaufdie fehlenden internationalenAllianzenÖster-
reich-Ungarns.
128 Ebd.6.
129 Kulka,Notiz66.
130 Reitzer,Rechtsakademie fürFrauen27.
DasStudiumderRechtswissenschaften164
Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Title
- Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Authors
- Thomas Olechowski
- Tamara Ehs
- Kamila Staudigl-Ciechowicz
- Publisher
- V&R unipress GmbH
- Date
- 2014
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-89971-985-7
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 838
- Category
- Recht und Politik