Page - 166 - in Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
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daherehereineAusbildungzurwissenschaftlichgebildetenHilfskraftdennzur
vollwertigenKollegin.
Doch es sollte ohnehin bis nachKriegsende undUntergang derMonarchie
dauern,dasDoktoratsstudiumderStaatswissenschafteneinzuführen.134Da1919
zugleich allerdings schließlich auch die Zulassung der Frauen zumRechtsstu-
diumerfolgte,135strichUnterstaatssekretärOttoGlöckel inseinerRedevordem
Kabinettsrat nur mehr den Aspekt der Auslandsbeziehungen hervor: »Die
Einrichtung dieses Doktorates kann auch als wesentlicher Faktor bei der Er-
füllung der Kulturmission, welche Deutschösterreich gegenüber den Balkan-
ländernunddemnahenOrientezukommt,gewertetwerden[…]DieSchaffung
einer solchenAnziehungskraft unsererHochschulen für die Studierenden aus
demOstenwürde für Deutschösterreich auch von einer nicht zu unterschät-
zendenBedeutung inpolitischerundökonomischerBeziehungsein«136.
In derselben Sitzung des Kabinettsrats unter demVorsitz vonKarl Renner
wurde am 29.April 1919 als Tagesordnungspunkt 14 auch die Zulassung der
Frauen zum Rechtsstudium beschlossen137 und damit begründet, dass »die
GleichberechtigungderbeidenGeschlechter imöffentlichenLebenzurTatsache
gewordenwar«,wie auch schondie Einführungdes Frauenwahlrechts im Jahr
zuvorverdeutlichthatte.Außerdemgabmansichüberzeugt,dass»dieMitarbeit
der Frauen zur Lösung der volkswirtschaftlichen und sozialen Probleme«138
gerade inderNachkriegszeit unverzichtbar sei. ZudiesemWandel inderUni-
versitätspolitiktrugmaßgeblichdiesozialdemokratischeRegierungsbeteiligung
bei.
Somit gab es abdemSommersemester 1919 andendrei (deutsch-)österrei-
chischenRechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultäten zwei Studiengänge:
dasStudiumderRechteunddasStudiumderStaatswissenschaften.Beidewaren
Frauengleichermaßenzugänglichundschon imJuni1920promovierteHelene
Lieser139 zur ersten österreichischen Doktorin der Staatswissenschaften; fast
genaueinJahrspäterfolgteMarianneBethalsersteösterreichischeDoktorinder
Rechte. Bald standendie Staatswissenschaften imspöttischenRuf, einFrauen-
studiumzusein, obwohl einVergleichderAbsolventinnenzahlendiesdeutlich
widerlegt.140 Tatsächlich war die Verteilung zwischen Rechts- und Staatswis-
134 StGBl249/1919.
135 StGBl250/1919.
136 OttoGlöckel,Auszug fürdenVortrag imKabinettsrate,ÖStAAVA,UnterrichtAllg., Prü-
fungen,Karton6902,Az6484/1919.
137 Vgl.Berger, »Fräulein Juristin«634.
138 KabinettsprotokollNr. 65,ÖStAAVA,UnterrichtAllg., Prüfungen,Karton6902,Az6484/
1919.
139 ZuHeleneLiesersVita siehenäherEhs,Vertreibungder erstenStaatswissenschafter 233.
140 Vgl.Ehs, Staatswissenschaften238.
DasStudiumderRechtswissenschaften166
Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Title
- Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Authors
- Thomas Olechowski
- Tamara Ehs
- Kamila Staudigl-Ciechowicz
- Publisher
- V&R unipress GmbH
- Date
- 2014
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-89971-985-7
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 838
- Category
- Recht und Politik