Page - 168 - in Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
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Außeruniversitäre rechts- und staatswissenschaftliche Bildung durch Hoch-
schuldozentenwieCarlGrünberg,HansKelsenundLudwigMiseshattenFrauen
zwarbereitszuvorerhalten,insbesondereinderWienerVolksbildung,allenvoran
amVolksheim142oderauchimAthenäum,dersogenanntenFrauenhochschule143,
doch die Rechtsakademie professionalisierte die Ausbildung durch Erstellung
eines universitätsähnlichen Curriculums. Auf Initiative Genia Schwarzwalds
wurden inden Jahren 1918und1919, also bis zurÖffnungder JuridischenFa-
kultäten, indenRäumlichkeitender SchwarzwaldschuleRechtskurse für Frauen
veranstaltet. Ihr Leiter war Edmund Bernatzik, der vom Ehepaar Genia und
Hermann Schwarzwald unterstützt wurde. Dem geschäftsführenden Ausschuss
gehörtenweitereprominenteProfessorenderWienerRechtsfakultät an,nämlich
Josef Hupka,Wenzel Graf Gleispach,HansKelsen undOthmar Spann. Gelehrt
wurde in seminaristischemUnterricht insbesondere das positive Recht. In vier
Semestern sollten die Studentinnen berufsbegleitend (täglich von 17.00 bis
20.00Uhr) einenEinblick in folgendeRechtsgebiete erhalten: römischesRecht,
Strafrecht und Strafprozessrecht, Nationalökonomie, Volkswirtschaftspolitik,
bürgerlichesRecht,Handels-undWechselrecht,Zivilprozess-undKonkursrecht,
Sozialpolitik, Völkerrecht, Staats- und Verwaltungsrecht sowie Finanzwissen-
schaft, Statistik und Versicherungsrecht. Rechtsgeschichte und -philosophie
warennichtBestandteildesLehrplans,dersomitauffälligeÄhnlichkeitmitdemin
jenenJahrendiskutiertenundimApril1919schließlicheingeführtenStudiumder
Staatswissenschaftenaufwies.
Die Kritik, die Teile der Frauenbewegung den Staatswissenschaften entge-
genbrachten, traf folglichauchaufdieRechtsakademiezu,nämlichdassFrauen
dadurchderZugang zumRechtsstudiumerschwertwürde,weilmandemMi-
nisterium den Ausweg eröffnete, diese Beschwichtigungsstrategie zu wählen.
Der inFrauenrechtsfragenäußerstprogressiveGrazerProfessor fürRömisches
Recht sowieHandels- undWechselrecht, GustavHanausek, sah inderRechts-
akademieeineGefahrderErschwerung inderZulassungvonFrauenzumuni-
versitärenRechtsstudiumundbemängelte sie alsAusbildungsstätte für »Halb-
juristinnen«.144SelbstKritikerdesFrauenstudiumswieWilhelmSiegelgabenzu
bedenken,dassdieRechtsakademieFraueneinenBärendienst erweisenwürde:
»Dannwird der Besuch derAkademie eine eingebildete Ausbildung und eine
142 Vgl.Ehs,HansKelsenundpolitischeBildung.
143 Vgl. Fellner,Athenäum99.
144 Hanausek, Rechtsstudium der Frauen 12. – Die Gründung der Rechtsakademie hatte
Hanausek, damalsDekanderGrazer JuridischenFakultät, veranlasst, im Jänner 1918 im
ProfessorenkollegiumdenAntragaufZulassungderFrauenzumRechtsstudiumzustellen.
DochmitRücksichtaufdieKriegsteilnehmerund-heimkehrerbliebdieserGrazerAntrag
ebenso erfolgloswie bereits jener von JosephAlois Schumpeter imNovember 1916 (vgl.
Ziegerhofer, ZulassungderFrauen94).
DasStudiumderRechtswissenschaften168
Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Title
- Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Authors
- Thomas Olechowski
- Tamara Ehs
- Kamila Staudigl-Ciechowicz
- Publisher
- V&R unipress GmbH
- Date
- 2014
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-89971-985-7
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 838
- Category
- Recht und Politik