Page - 237 - in Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
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konnotiert169, d.h. sie bewegte sich inweitenTeilen inder politischenTheorie
undIdeengeschichteundbeachtetesoziologischeZugänge.DieersteGeneration
vonUS-Politikwissenschafter/inne/n hatte ihreAusbildung an deutschen und
österreichischen Universitäten erhalten, wo sie im Rahmen des Staatsrechts
ebenauchpolitischeTheorieundPhilosophie sowieweiterspolitischeÖkono-
mie undGesellschaftslehre studierte170. Doch aufgrundder weitgehend antili-
beralenundantimarxistischenPersonalpolitikder 1920er Jahre, die Sozialwis-
senschaft und Sozialismus gleichsetzte, konnte sich hingegen anden österrei-
chischenUniversitätenkeine empiriegeleitete Sozial- oderPolitikwissenschaft,
sondern lediglich eine geisteswissenschaftliche, konservativ-katholisch ge-
prägte entwickeln. Dadurch waren die Absolvent/inn/en des Staatswissen-
schaftsstudiums letztlichweder rechts- noch sozialwissenschaftlich ausgewie-
sen,sondernirgendwodazwischenangesiedeltundhattenimGrundeinkeinem
vonbeideneinehinreichende(Aus-)Bildungerhalten–was iminternationalen
Vergleichnichtunmaßgeblichzu ihremschlechtenRufbeitrug.
ÜberdieseDiskrepanzenzwischendeminner-undaußeruniversitärenVer-
ständnisberichtetPaulNeurath: »[A]ls ich1931andieUniversität kam,wollte
ichSoziologie studierenmitder vagenVorstellung,dassmanso lernenkonnte,
sozialeundpolitischeVorgänge systematisch zuanalysieren.Das Fach als sol-
ches gab es damals inWien noch nicht. Wollte man sich auf diesem Gebiet
spezialisieren, dann konnteman bestenfalls an der juridischen Fakultät ›Ge-
sellschaftslehre‹, hauptsächlich bei Othmar Spann, hören und allenfalls sein
Studium mit dem Doktorat der Staatswissenschaften, dem Dr.rer.pol. ab-
schließen. Mein Vater machte mir rasch klar, dass es für den absolvierten
Dr.rer.pol.sogutwiekeinespezifischenBerufsmöglichkeitengab,währenddem
absolviertenDr.jur. imPrinzipzahlreicheStellen sowohl innerhalb,wie außer-
halb der eigentlichen juristischen Berufe offen standen.« Neurath studierte
schließlichRechtswissenschaften, hörte aber auch einigeVorlesungenSpanns,
die ihn jedochsehrenttäuschten; zueiner tatsächlichsozialwissenschaftlichen,
empiriegeleiteten Soziologie kam er erst über die außeruniversitäre Wirt-
schaftspsychologische Forschungsstelle171, letztlich durch einAuslandsstudium,
imUS-amerikanischenExil: »Umetwa1933oder 1934 las ich zumerstenMal
169 ImAnsatz richtig, aber in der Schlussfolgerung ohne ausreichendeKenntnis der polito-
logischenDisziplinengeschichteSomek, Indelible scienceof law430.
170 Vgl. Loewenberg, Influence 597, der allerdingsÖsterreich außer Acht lässt: »The out-
standingreputationoftheinstitutionsofhighereducationinGermanyattractedAmericans
interestedinthestudyofhistoryandgovernment.Boththescopeandthemethodsofwhat
was called Staatswissenschaft…shaped the curriculumof the first political science de-
partments in theUnitedStates.The substantive emphasiswasonpublic lawandpolitical
theory, and theobject of studywas the establishmentof causal relations throughcompa-
rativeanalysis«; sieheauchGunnell, EuropeanGeneses.
171 Dazunäherunten718f.
ErstesAddendum:DieAnfängederPolitikwissenschaft 237
Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Title
- Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Authors
- Thomas Olechowski
- Tamara Ehs
- Kamila Staudigl-Ciechowicz
- Publisher
- V&R unipress GmbH
- Date
- 2014
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-89971-985-7
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 838
- Category
- Recht und Politik