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kennung. Erhatte keineFeinde. Er hängte denMantel nicht nachdemWinde,
aber er lebtemit derWelt inFrieden, soweit es ebenging«, erinnerte sich sein
FachkollegeAdalbertErlerspäter.320Istesgerechtfertigt,ausdiesenWorteneine
gewisseAmbivalenzMitteis’ inpolitischenDingen zuvermuten? Jedenfalls ist
seineHaltung gegenüber demNS-Regime nur schwer zuwürdigen: Dennder
Rechtshistoriker, derdieEtablierungdesParlamentarismus inDeutschlandals
»überstürzt« bezeichnet unddenVersaillerVertrag bei einerVeranstaltung in
derHeidelberger Stadthalle 1929 scharf verurteilt hatte,321profitierte 1933 zu-
nächstvonderGleichschaltungderUniversitätHeidelberg,indemerzumneuen
Dekan ihrer juristischenFakultätbestelltwurde.322Schonbaldabergeriet er in
Konflikt mit dem ebenfalls neu bestellten Rektor Wilhelm Groh, wobei der
Umstand, dassMitteis weiter »Kontakt mit Juden« (womit wohl v.a. Mitteis’
Amtsvorgänger Ernst Levy gemeint war) pflegte, ein wesentlicher Grund ge-
wesenseindürfte.BeieinemTelefonatzwischenMitteisundGroheskaliertedie
Situation;GrohbezeichneteMitteis später als »anmaßend«understattetedem
Ministerium Bericht, worauf Mitteis schon am 1.November 1933, nach nur
einemMonat Amtszeit, als Dekan wieder abgesetzt wurde.323Mitteis verließ
daraufhinHeidelberg, wo er zehn Jahre gelehrt hatte, und nahmmit 1.April
1934einenRufderUniversitätMünchenan,woseineSchwierigkeitenmitdem
NS-Regime immermehr zunahmen. Antinationalsozialistische Studenten ver-
suchten,Mitteis zu helfen, womit sich seine Lage nur nochweiter verschlim-
merte. »Er war nun sehr verärgert und ließ sich also für dieWr. Universität
gewinnen«, berichtete später, nach dem »Anschluß«, Gleispach über seinen
KollegenMitteis.»Dieoesterr. ›System‹-RegierungwarlebhaftbemühtimReich
unzufriedeneGelehrte fürOesterreichzugewinnen.DieVerhandlungenmitM.
sollen vonWien aus über die Schweiz streng geheim geführt worden sein.«324
Tatsächlich befand sichMitteis zu jener Zeit in St. Gallen, undder zuständige
Referent im österreichischen Unterrichtsministerium erinnerte an die »Un-
tunlichkeit eines unmittelbaren Verkehres mit den reichsdeutschen Unter-
richtsbehörden«.325Nachdem allerdings BundespräsidentMiklas am 19.März
1935 die ErnennungMitteis’ vorgenommen hatte,326machten die reichsdeut-
320 Erler,Mitteis 615.
321 Mitteis, ZehnJahre!
322 DasFolgendenachBrun,Mitteis 81 ff;Olechowski,Rechtsgermanistik86 ff.
323 Brun,Mitteis 108;Olechowski,Rechtsgermanistik87.
324 HandschriftlicherBerichtvonWenzeslausGleispach(undatiert, vermutlichAugust1938),
ÖStAAdR,BMI,GauaktNr. 1840 (HeinrichMitteis).
325 HeinrichMitteis, Schreiben andas BMUvom2.3.1935 und vom3.3.1935 (mit Absend-
eradresseSt.Gallen),sowieReferententwurfzuBMUEvom11.3.1935Z7256-I/1935,allein:
ÖStAAVA,UnterrichtAllg.,Univ.Wien,Karton608,DeutschesRecht.
326 BMUEvom27.3.1935,Z953/I/1/1935, in:ÖStAAVA,UnterrichtAllg.,Univ.Wien,Karton
612,PersonalaktMitteisHeinrich.
DeutschesRechtundÖsterreichischeReichsgeschichte 313
Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Title
- Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Authors
- Thomas Olechowski
- Tamara Ehs
- Kamila Staudigl-Ciechowicz
- Publisher
- V&R unipress GmbH
- Date
- 2014
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-89971-985-7
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 838
- Category
- Recht und Politik