Page - 475 - in Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
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seinem»Dante« schrieb, war sein Interesse für Rechtstheoriewach geworden,
underbeganneinegroßangelegteSchrift, inderer»diewichtigstenProbleme
derStaatsrechtslehre«(undnichtetwanureinesvonihnen)untersuchenwollte;
namentlich waren es die Probleme »der juristischen Person, des subjektiven
Rechts, und insbesondere der Begriff des Rechtssatzes«, die ihn »in zuneh-
mendenMasse zu interessieren« begannen. »Wasmir an der ueblichen Dar-
stellung dieser Probleme auffiel, war der voellige Mangel an Exaktheit und
systematischer Grundlegung; vor allem aber eine heillose Konfusion der Fra-
gestellung, die permanente Vermengung dessenwas positives [Recht] ist mit
demwas – von irgendeinemWertstandpunkt –Recht sein sollte auf der einen
Seite,unddieVerwischungderGrenzezwischenderFrage,wiesichdieSubjekte
vonpositivenRechtswegenverhalten sollen, undder Frage,wie sie sich tatsa-
echlich verhalten. Die scharfe Trennung einer Theorie des positiven Rechtes
einerseits von der Ethik, andrerseits von der Soziologie, schienmir dringend
geboten.«48
DieseSätze,1947geschrieben,enthaltenbereitseineersteKritikanBernatzik,
derdochbereitsdasProblemder juristischenPersonmonographischbehandelt
hatte.Dies ist keinZufall; vielmehrmacht dieAutobiographie anvielen Stellen
deutlich,wiesehrKelsenursprünglichgehoffthatte, inBernatzik,derseineerste
Schrift zumDruckangenommenhatte,einenFörderergefundenzuhaben,dann
aber indieserHoffnungenttäuschtwurde.DieGründedafür schriebKelsenvor
allemdenstarkenantisemitischenStrömungenanderFakultätzu,wenngleicher
auchBernatzikattestiert,keinAntisemitgewesenzusein, jedochFurchtvorden
antisemitischenKollegengehabtzuhaben–Beobachtungen,diesichmitanderen
durchaus decken. Am 18.Mai 1906 promovierte Kelsen und begann mit der
Rechtsanwaltsausbildung; als er jedocheinStipendiumderUniversitätWiener-
hielt, reisteer imWS1907/08nachHeidelberg,umdortdasSeminarJellinekszu
besuchen.Kelsenberichtet,dasservonderpersönlichenBegegnungmit Jellinek
enttäuscht war und rasch merkte, dass der Seminarbesuch für seine wissen-
schaftlicheArbeitnichtsbringe;dennochkehrteer imWS1908/09nocheinmal
nach Heidelberg zurück; 1910 folgte ein Aufenthalt in Berlin, wo er Gerhard
Anschütz,möglicherweise auchGeorgSimmel, hörte. ZudiesemZeitpunktwar
Kelsensmaterielle Existenz auch gesichert, da er seit dem1. Juli 1908 eineAn-
stellungamk.k.Handelsmuseumbzw.anderdiesemangegliedertenExportaka-
demie hatte und dort ab demWintersemester 1909/10 auchVorlesungen hielt.
DieseTätigkeit erlaubte es ihm,dieArbeit an seiner–nachdemGesagtenwohl
schon1905begonnenen–Habilitationsschrift zügig fortzusetzen;am6.Februar
1911 reichte er seinHabilitationsgesuch für die Fächer allgemeines und öster-
reichischesStaatsrecht,RechtsphilosophieundderenGeschichteein.
48 Kelsen,Autobiographie36.
AllgemeinesundösterreichischesStaatsrecht 475
Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Title
- Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Authors
- Thomas Olechowski
- Tamara Ehs
- Kamila Staudigl-Ciechowicz
- Publisher
- V&R unipress GmbH
- Date
- 2014
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-89971-985-7
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 838
- Category
- Recht und Politik