Page - 477 - in Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
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eingezogen, sichmitGeschickundGlückzumpersönlichenBeraterdes letzten
k.u.k. Kriegsministers Rudolf Stöger-Steiner emporgearbeitet, und dieser war
mitKelsens Leistungen sichtlich zufrieden,weshalb er seinenEinfluss geltend
machte,damit anderRechts-undStaatswissenschaftlichenFakultät eineStelle
als außerordentlicherProfessor füröffentlichesRecht,mit besondererBerück-
sichtigungdesMilitärrechtsundderRechtsphilosophie–alsowiegeschaffenfür
Kelsen – eingerichtet wurde. EinVersuch des Innsbrucker Privatdozenten für
Militärstrafprozessrecht, Albin Freiherr Schager von Eckartsau, der »in der
Militaerkanzlei Kaiser Karls einen erheblichen Einfluss auf den Monarchen
ausuebte«, sichumdiese Stelle zu bewerben,wurde von Stöger-Steiner unter-
bunden.55Aber auch von der Fakultät kamWiderstand: Der Rechtshistoriker
Ernst v. Schwind, derdem fünfköpfigenBesetzungskomit¦e angehörte, sprach
sich gegen die Ernennung Kelsens aus, und verfasste, nachdem die übrigen
Mitglieder (Bernatzik,Menzel, der Zivilprozessualist Sperl sowie Voltelini als
Dekan)fürKelsenvotierthatten,einMinoritätsgutachten,inwelchemerKelsens
SchrifteneinerscharfenKritikunterzog:»WiederholthatmandenEindruckals
lehnteKelsenängstlichjedenBlickinsHistorischeab,weildadieUnmöglichkeit
seiner Auffassungen an der Macht der Tatsache sogleich klar hervortreten
würde.Wer könnte sichunterHinblick auf dieGeschichte auchnur für einen
Augenblick einenStaat ohneHerrschaft, ohneUeber- undUnterordnungden-
ken?« Aber auch abseits seines eigenen Faches, der Rechtsgeschichte, hielt
SchwindKelsensKonzeptiondesRechtes als vonGrundauf verfehlt; ja, sie sei
»destruktiv und zersetzend« sowie »jede Achtung vor dempositiven Rechte«
untergrabend,wasSchwind»alsernsteGefahrfürdieZukunftunsererJuristen«
ansah.56 Doch hatten die Bemühungen Schwinds keinen Erfolg: Mit aller-
höchsterEntschließungvom8. Juli 1918wurdeHansKelsenzumao.Professor
anderUniversitätWienernannt.57
Bis Ende Oktober 1918 war Kelsen noch für das k.u.k. Kriegsministerium
tätig; abNovember 1918 arbeitete er nebenamtlich fürdie deutschösterreichi-
55 Schreibendesk.u.k.Kriegsministersandask.k.Unterrichtsministeriumvom25.4.1918, in:
ÖStAAVA,UnterichtAllg.,Univ.Wien,Karton607;vgl.auchKelsen,Autobiographie47,55.
56 SeparatvotumvonErnstSchwindvom11.3. 1918,ÖStAAVA,UnterrichtAllg.,Univ.Wien,
Karton610,PersonalaktHerrnrittRudolf.
57 A.h.Entschließungvom8.7. 1918,angefügtandena.u.Vortragvom25.6. 1918,ÖStAAVA,
UnterrichtAllg.,Univ.Wien,Karton612,PersonalaktPiskoOskar,Z23478/1918.Unrichtig
daher die Jahreszahl 1917 inKelsen, Autobiographie 18=HKWI, 55, die auch in vielen
anderen Schriften aufscheint (z.B. Métall, Kelsen 17). – Aus demselben Akt ist ferner
ersichtlich, dassKelsenauchErstgereihter für eineBesetzungsvorschlaganderUniversität
Czernowitzwar;daerandieUniversitätWienberufenwurde,wurdefürCzernowitzLeonid
Pitamic ernannt; infolge derKriegsereignisse konnte dieser seinAmt jedoch niemals an-
treten. Vielmehr war er ab 1918 als Politiker bzw. Diplomat für das neu gegründete Kö-
nigreich der Serben, Kroatenund Slowenen tätig; 1935–1952 lehrte er an derUniversität
Ljubljana.Vgl. zu ihmPavcˇnik, LeonidPitamic.
AllgemeinesundösterreichischesStaatsrecht 477
Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Title
- Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Authors
- Thomas Olechowski
- Tamara Ehs
- Kamila Staudigl-Ciechowicz
- Publisher
- V&R unipress GmbH
- Date
- 2014
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-89971-985-7
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 838
- Category
- Recht und Politik