Page - 531 - in Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
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Gegner Kelsens wurde. Sie reichen von persönlicher Kränkung, beruflicher
Enttäuschung, rassistischerWeltanschauungundpolitischerÜberzeugung bis
hin zurwissenschaftlichenKonfrontation.Holdberichtet, dassman »vonver-
schiedenenSeiten«an ihnherangetretensei, er sollegegenKelsensRechtslehre
publizistisch auftreten. »Sobrachte ichdenndasOpfer, die SchriftenKelsens,
die sich damals auf etwa zweitausend Seiten beliefen, nochmals im Zusam-
menhangdurchzunehmen.Daskostete einganzes Jahr!«299Ergebniswar seine
1926erschieneneMonographie »DerStaat alsÜbermensch, zugleicheineAus-
einandersetzungmitderRechtslehreKelsens«.Holdwar für seinepolemischen
Formulierungenbekannt,undgeradeindiesemBuchtiteloffenbartesichschon
dieHauptangriffssrichtungHolds, hatte Kelsen doch ein Jahr zuvor in seiner
»Allgemeinen Staatslehre« vor einer »Hypostasierung« des Staates gewarnt.300
NunerstrechtbehaupteteHoldeinerealeExistenzdesStaatesunderblickte»die
RealitätdesStaates[…]imLebenderMenschennachRechtsnormen.«301Erging
aberauchaufvieleanderePunktederReinenRechtslehreein,bemängelte,dass
KelsenkeineDefinitiondesRechts liefere, undbezeichnetedieGrundnormals
einen»Lückenbüßer fürdasvonKelsenverschmähteSein.«302
KelsenerwidertedieseSchriftmit einer eigenenMonographie, diemit »Der
Staat alsÜbermensch.EineErwiderung«betiteltwar,undesgelang ihm,Hold
einigeWidersprüchlichkeitennachzuweisen,soetwa,wennHoldnunmehr–im
GegensatzzuseinenfrüherenSchriften–denZwangalsnichtwesensnotwendig
fürdasRechtansah;geradeHoldseieinerderjenigengewesen,dieganzaufdas
Zwangselement abgestellt hätten – was auch die Zustimmung Kelsens fand:
»Jeder, dermeine Schriftenkennt,weiß, daß fürmichdasRecht eineZwangs-
ordnungmenschlichenVerhaltens ist,wenndieserGedankeauchnicht ineiner
schulmäßigenDefinition auftritt.«303DochHold konterte 1927mit einer neu-
erlichen, wenn auch kürzeren Streitschrift gegen Kelsen, betitelt »Ein Kampf
umsRecht«,304 inder er abermalsmit Polemiknicht sparte (»MeinHerz stand
still,als ichdas[gemeint:KelsensGegenschrift] las.«305).Kelsenunterließes,auf
diesezweiteSchrifterneutzureagieren–möglicherweise,weilersichschondes
nächstenpublizistischenAngriffs eines Fakultätskollegen, diesmaldesRechts-
historikersErnst (von)Schwind,erwehrenmusste.Geradediesaberzeigt,dass
299 Hold-Ferneck, Selbstdarstellung101.
300 Kelsen,AllgemeineStaatslehre76; vgl.Korb,KelsensKritiker104.
301 Hold-Ferneck,DerStaatalsÜbermensch59.
302 Korb,KelsensKritiker103.
303 Kelsen, Der Staat als Übermensch 3. Vgl. Olechowski, Rechtsphilosophie gegen
Rechtsgeschichte434.
304 DerTitel ist eineAnspielungaufdengleichnamigen, berühmtenVortragRudolf von Jhe-
ringsvorderWiener JuristischenGesellschaft 1872; vgl.Korb,KelsensKritiker97.
305 Hold-Ferneck,KampfumsRecht55.
Völkerrecht 531
Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Title
- Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Authors
- Thomas Olechowski
- Tamara Ehs
- Kamila Staudigl-Ciechowicz
- Publisher
- V&R unipress GmbH
- Date
- 2014
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-89971-985-7
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 838
- Category
- Recht und Politik