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men, ist imallgemeineneinsehr tiefes,vielfachsotief,wiees indenwestlichen
TeilenÖsterreichskaumzu finden ist. […]OrientalischeSitten,östlicheMoral
und Mangel jeden höheren Strebens bilden den Dunstkreis, in dem die Ju-
gendjahre der künftigenMusensöhne sich abspielen. […] Aber auch auf die
Bukowina selbst und den ganzenOsten übt die Universität mit demminder-
wertigenMaterialeineschädlicheWirkung.BisvorwenigenJahrzehntenmußte
jeder Beamte, jeder Richter, jeder Advokat undMittelschullehrer, der in der
Bukowina tätig werdenwollte, an einer westlichenUniversität oder sonstigen
Hochschule studiert haben; ermußte alsowenigstens für die Studienzeit aus
seinergewohntenUmweltherauskommen,sahetwasanderesalsdieheimische
›Kultur‹ und lernte andere Begriffe vonMoral und Recht kennen.«36Dies ist
umsobefremdlicher,wennmanbedenkt, dass sowohlFrischals auchKaser zu
diesemZeitpunkt erst seit kurzemanderUniversität Czernowitz lehrten.Un-
terstützung zumindest in einemPostulat bekamen sie vonEugenEhrlich – so
waren sie alle der Meinung, dass die Bukowina primär landwirtschaftliche
Fachschulen und nicht eine Universität benötige. Diese Aussage führte zur
Anfeindung Ehrlichs durch die Czernowitzer Studierenden undwar wohl für
seine Schwierigkeiten an der CzernowitzerUniversität nach 1919 verantwort-
lich.37Anden heftigen literarischenDiskussionen, die auf die Beiträge dieser
drei Professoren folgten, warennicht nur (ehemalige) Czernowitzer Lehrende
beteiligt, sondernauchProfessorenausanderenUniversitätsstädten.38Diezum
Teil sehr polemischenAuseinandersetzungenwurden vomMinisterium nicht
kommentiert–1918wurdederLehrbetrieb inCzernowitz,wennauchnicht für
lange,wiederaufgenommen.391918getätigteVersuchedieweltlichenFakultäten
derCzernowitzerUniversitätnachSalzburgzuverlegen,umderenVerlustdurch
die bevorstehende Rumänisierung zu verhindern scheiterten – das kleine
DeutschösterreichhattefürseineZweckeausreichendUniversitätenundbereits
zuwenig finanzielleMöglichkeiten,umdiese entsprechendzu fördern.40
VonderÜbernahmederUniversitätdurchdenrumänischenStaatberichtete
HeddaWolff, dieGemahlinvonKarlWolffundTochterdesZoologenCarlZel-
inka,wie folgt: »EndeSeptember1918kehrtendieProfessorenund ihreFami-
lienmit einemgemeinsamenTransport nachCzernowitz zurück, wo dieVor-
lesungenbegannen. […]DieVorlesungenanderUniversitätwurdenvorerst in
deutscher Sprache weitergelesen. Die rum. Regierung erklärte sich bereit,
36 VerlegungderFranz-Josefs-Universität 3.
37 Rehbinder,Rechts-undStaatswissenschaftlicheFakultät 204–207.
38 So ua: Singer (Singer, Czernowitz), Hanausek, Schumpeter. S. auchweitereAngaben bei
Uray, Czernowitz–Salzburg72–74; Staudigl-Ciechowicz,Universitätenum1918.
39 Vgl. Staudigl-Ciechowicz,Universitätenum1918.
40 Vgl. detaillierterUray, Czernowitz–Salzburg74–77; Staudigl-Ciechowicz,Universitä-
tenum1918.
DieösterreichischeUniversitätslandschaftum1918650
Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Title
- Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Authors
- Thomas Olechowski
- Tamara Ehs
- Kamila Staudigl-Ciechowicz
- Publisher
- V&R unipress GmbH
- Date
- 2014
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-89971-985-7
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 838
- Category
- Recht und Politik