Page - 714 - in Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
Image of the Page - 714 -
Text of the Page - 714 -
Fort- auch absolvierte Mittelschüler/innen zur Grundausbildung aufgenom-
men.DieLehrerbildung,diemaninderSozialdemokratiealsVoraussetzungdes
Gelingens der Schulreform ansah, wurde daher mit diesen viersemestrigen
hochschulähnlichenKursendesPädagogischen Instituts zumGrundpfeilerder
Reformen.HierzuViktorFadrus inderEröffnungsrede: »Diesedemokratische
Bildungsaufgabe fordert für das gesamte Volk die bestausgebildeten Lehrer.
FordertdeneinheitlichenLehrstandaufGrundeinheitlicherHochschulbildung
[…] ImGegensatz zuderbisherigenmehrpassiven, perzipierendenBildungs-
arbeitmüssenwirauf frischeEmpfänglichkeit,volleAktivitätundSchulungdes
kritischen Sinnes hinarbeiten […]Der Blick des Lehrersmuss entsprechend
seiner innerenVeranlagungsoweit alsmöglichgeweitetwerden.«35
BaldgenossdasinderBurggasse14–16untergebrachteInstitutAnsehenund
Bedeutung über die Gemeinde- und selbst Staatsgrenzen hinweg, was auch
daran lag, dass einigederbedeutendstenWissenschafter/innenderUniversität
Wiendortlehrten.Übersie,diemeistauchandenVolkshochschulenimEinsatz
standen, schreibtErnstGlaser: »DaswarenkeineswegsSozialisten,wenngleich
dieÖffentlichkeit sie oft dafür hielt und entsprechend reagierte.«36 Zu den
Vortragenden zählten Anna Freud, Edgar Zilsel, Heinrich Gomperz,Wilhelm
Jerusalem (Einführung in die Soziologie und Geschichtsphilosophie), Otto
NeurathunddasEhepaarBühler (DiegeistigeEntwicklungdesKindes); seitens
derRechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät sindMaxAdler (Die Sozio-
logie des Marxismus und Soziologische Staatslehre) undHans Kelsen (Öster-
reichische Verfassung undÖsterreichisches Staatsrecht) zu nennen. Allerdings
kamen nicht nur Universitätsprofessor/innen ans Pädagogische Institut, son-
derndie Studierendenmussten auchWahlfächer imAusmaß von20Wochen-
stunden an derUniversitätWien belegen, was der sozialdemokratischen Idee
vonuniversitärerLehrerausbildungdochschonnäherkam.
AußerdemwardasPädagogische InstitutdurchdasPsychologisch-pädagogi-
scheLaboratoriumderBühlers aufsEngstemit derUniversität verbunden.Das
LaboratoriumwurdebaldzumvonderRockefellerFoundationgefördertenPsy-
chologischenInstitutumgestaltet, andemnichtnurdiePsychologiestudierenden
überdieSchülerpersönlichkeit forschenkonnten, sondernwoetwaunterMitar-
beit Paul Lazarsfelds undMarie Jahodas zahlreiche sozialwissenschaftlicheAr-
beiten entstanden, zumBeispielüberdas sozialeVerhalten von Schulneulingen
oderüberdieKlasse alsArbeitsgemeinschaft. Auf dem ideellenBodendesPsy-
chologischenInstitutentstanddieWirtschaftspsychologischeForschungsstelle.
35 Viktor Fadrus, Eröffnungsrede des »Pädagogischen Instituts« am 13.1. 1923, zit.n.:
Schnell, Pädagogisches Institut 80.
36 Glaser,Austromarxismus309.
Extramuros:Vereine,Gesellschaften,KreisundVolksbildung714
Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Title
- Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Authors
- Thomas Olechowski
- Tamara Ehs
- Kamila Staudigl-Ciechowicz
- Publisher
- V&R unipress GmbH
- Date
- 2014
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-89971-985-7
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 838
- Category
- Recht und Politik