Page - 754 - in Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
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DerMises-Kreis war nur einer von vielen privaten Zirkeln, in denen sich
Professoren,Absolvent/inn/enundmitunter (fortgeschrittene) Student/inn/en
im informellenRahmen zumGedankenaustausch trafen undwomitunter be-
deutendewissenschaftlicheErgebnisseproduziertwurden.Hiermussvorallem
auch das Privatseminar genannt werden, das Hans Kelsen immer Sonntag-
nachmittags in seiner Wohnung in der Wickenburggasse veranstaltete und
welches internationaleBekanntheit erlangte, sodass schließlich auch ausländi-
sche Studierende (aus Frankreich, Japan und anderen Ländern) nach Wien
kamen,umandiesenTreffen teilnehmenzukönnen.Zuerwähnensind indie-
semZusammenhanginsbesonderenochdersog.Geist-KreisundderFleischer-
Kreis.
DasÖsterreich der Zwischenkriegszeit bot mit seiner Vielzahl an Vereini-
gungenundBildungseinrichtungenaberauchsonsteineFülleanMöglichkeiten,
sich außerhalb derUniversitätmit ProblemstellungenderRechts- und Staats-
wissenschaften zubefassen. Zunennen sindhier der altehrwürdige Juridisch-
politische Leseverein, dieWiener JuristischeGesellschaft, die Leo-Gesellschaft
oder die Soziologische Gesellschaft. Bislang kaum beachtet wurde aber, dass
auchdieWienerVolks-undArbeiterbildung(bes.das»Volksheim«,dieheutige
VolkshochschuleOttakring) über ein breites Angebot anVeranstaltungen aus
demBereichderRechts-undStaatswissenschaftenverfügte;hierunterrichteten
etwa Hans Kelsen, Carl Grünberg, Emanuel Adler, Rudolf Köstler, Stephan
Braßloffundandere.ZudenHörer/inne/n imVolksheimzähltenübrigensauch
Studierende der Staatswissenschaften, die auf dieseWeise das unzureichende
Angebot an einschlägigenLehrveranstaltungen anderUniversität kompensie-
renwollten.
Die inderÖffentlichkeitwohlammeistenangeseheneGelehrtengesellschaft
wardieAkademiederWissenschaftenzuWien,der aucheinigeMitgliederder
WienerRechts-undStaatswissenschaftlichenFakultät angehörten; traditionell
existierte hier ein starkes Übergewicht der Rechtshistoriker gegenüber den
Vertretern der rechtsdogmatischen Fächer. Aber auch die rechtshistorische
Forschung an der Akademie war quantitativ eher unbedeutend. Anhand der
Wahlakten, aus denen ersichtlichwird, wer wen zurWahl vorschlug, konnten
Netzwerkeausgemachtwerden,diemitanderendurchauskorrespondierten:So
warenvonden 38 Juristen, die zwischen 1919 und 1938 in die philosophisch-
historischeKlassederAkademiegewähltwurden, 13 auchMitgliederdes anti-
semitischen»DeutschenKlubs«.
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WortspielmitdemGassennamengehandelthaben;heutebefindetsichandieserAdressedas
armenischeRestaurant»Tiflis«.
ZusammenfassungundSchlussbetrachtung754
Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Title
- Die Wiener Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1918–1938
- Authors
- Thomas Olechowski
- Tamara Ehs
- Kamila Staudigl-Ciechowicz
- Publisher
- V&R unipress GmbH
- Date
- 2014
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-89971-985-7
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 838
- Category
- Recht und Politik