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130 Invalidenschulung
„vielfach als arbeitstherapeutischer Behelf für versteifte Finger“.112 Sie konnten aber
auch einfach – wie die Verantwortlichen meinten – „fruchtbringend die Zeit füllen“113
und verhindern, dass „der Pflegling der Langeweile, dem Heimweh oder dem Sinnen
und Grübeln über seine Leiden und Schmerzen anheimfällt“114 und seine Stunden
„gedankenlos hinbrütend oder mit unnützer Tändelei, Kartenspielen usw. zubringt“.115
Nicht zuletzt dienten die Spitalskurse auch wie eine „Vorschule“116 als Vorbereitung für
die nachfolgende berufliche Ausbildung.
Bei vielen Berufskursen darf vermutet werden, dass sie durch konkreten Arbeits-
kräftemangel im entsprechenden Sektor motiviert waren. Die Anforderungen an die
Schulungsteilnehmer waren dann relativ hoch und die Voraussetzungen exakt vorge-
geben. Um Notariatskanzlist zu werden, waren zum Beispiel Stenografie- und Ma-
schinschreibkenntnisse sowie die erfolgreiche Absolvierung der Bürgerschule und
einiger Klassen einer Mittel- oder Handelsschule erforderlich.117 Erfahrungsgemäß
fanden sich aber unter den Kriegsbeschädigten nur wenige dermaßen gut ausgebil-
dete Männer. Tatsächlich meldeten sich als Anwärter für die Notariatsschulung ge-
rade einmal neun Interessenten. Sowohl der Notarverein als auch das Ministerium, das
den Vorschlag des Vereins „mit ganz besonderem Interesse“118 verfolgt hatte, hatten
die Zahl der Kriegsbeschädigten, „die sich gerne einer Art Intelligenz-Beruf widmen
möchten“,119 vollkommen falsch eingeschätzt. Diese Schulungsidee wurde wieder fal-
len gelassen.120 Andere Schulungen machten relativ exakt benannte körperliche Vor-
aussetzungen zur Bedingung. Für den Wiederaufbau Galiziens etwa wurden 1916 200
Lastautos und Motorpflüge angeschafft, doch fehlte das Personal, diese Maschinen
zu lenken. Die galizische Statthalterei wollte daher 200 Kriegsbeschädigte für den
in Buntpapier und Klebearbeiten, Flechtarbeiten, Netzarbeiten, Erzeugung von Bettvorlagen, Kerbschnitt,
Knüpfarbeiten, Strumpfwirkerei, Laubsägearbeiten, Rahmenknüpfarbeiten, Schriftzeichnen, Silhouetten-
schneiderei, Smyrnaknüpfarbeiten, volkstümliche Malereien auf Spannschachteln, Tarsomalerei [Intarsien
imitierende Malerei auf Holz, AdA], Tonindustrie“ ; für Ausgangsunfähige : „Glasperlenstickerei, Zwirn-
knopfwirkerei, Knüpfarbeiten, Handschuhhäkelei, Christbaumschmuckerzeugung, Erzeugung von Tup-
fern, Rollbinden, Lampenschirmen u. dgl.“ ; K.k. Ministerium des Innern, Mitteilungen, 1916, S. 215.
112 Ebd., S. 184.
113 Ebd.
114 K.k. Ministerium des Innern, Mitteilungen, 1917, S. 241.
115 Ebd.
116 K.k. Ministerium des Innern, Mitteilungen, 1915, S. 68f.
117 AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1361, 16307/1918.
118 Ebd., Kt. 1553, Sa 17/Notariatskanzlisten, MfsF an Notarverein v. 22.3.1918.
119 Ebd., Kt. 1553, Sa 17/Notariatskanzlisten, Notarverein an KM, eingegangen am 3.3.1918.
120 Ebd., Kt. 1553, Sa 17/Notariatskanzlisten, Notarverein an MfsF, eingegangen am 16.10.1918 ; MfsF
an Notarverein v. 25.10.1918. Die neun Anwärter stammten aus der gesamten österreichischen Reichs-
hälfte.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Die Wundes des Staates
- Subtitle
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Authors
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 586
- Categories
- Geschichte Nach 1918