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131Die
„Invalidenschulaktion“
– Administration, Einrichtungen, Partner
„landwirtschaftlichen Lastautomobil- und Motorpflugchauffeurdienst“ ausbilden und
formulierte die physischen Anforderungen sehr präzise :
„ziemlich kräftiger Körper, gute Augen, gutes Gehör (wenigstens auf einem Ohr), gesunder
rechter Fuß (linker vom Knie abwärts kann auch künstlich sein), an der rechten Hand we-
nigstens Daumen und Zeigefinger, an der linken Hand Daumen und zwei andere Finger,
halbwegs Durchschnittsintelligenz, womöglich keine Analphabeten.“121
Solche Angaben sind keine Seltenheit. Die Idee, dass die Gebrechen der Kriegsbe-
schädigten und die Erfordernisse des Arbeitsmarktes in so konkreter Weise zusammen
gebracht werden könnten, verweist nicht zuletzt auf ein modernes Nützlichkeitsden-
ken. Manche Kriegsbeschädigten mögen auf diese Weise Arbeit gefunden haben
– wie
erfolgreich die Suche nach Traktorenlenkern für Galizien war, ist leider nicht über-
liefert –, die meisten waren jedoch weder die erhofft gut ausgebildeten und überall
einsetzbaren Individuen, die der Arbeitsmarkt gebraucht hätte, noch bloß in ihrer
Bewegungsfähigkeit behinderte oder ihrer Gliedmaßen beraubte, ansonsten aber ge-
sunde und kräftige Männer. Der Arbeitsmarkt fragte verständlicherweise nicht nach
den vielen erkrankten, geschwächten und verelendeten ehemaligen Kriegsteilnehmern.
Das war auch ein Grund dafür, dass die große Gruppe der tuberkulösen Kriegsbeschä-
digten sowie die Kriegsneurotiker nur in sehr geringem Ausmaß in das Blickfeld jener
gelangten, die die Invalidenschulaktion ab 1915 aufbauten.122
Was die Ministerialbürokratie allerdings sehr wohl voraussah, war, dass selbst ge-
schulte Kriegsbeschädigte möglicherweise auf dem Arbeitsmarkt nur Arbeitskräfte
zweiter Klasse sein würden, und so traf sie einige Maßnahmen, die ihnen einen gewis-
sen Startvorteil verschaffen sollten. Zunächst bemühte man sich, die Invalidenschu-
lung als vollwertige Ausbildung zu etablieren. Um die Entstehung von „Winkelkursen“
in diesem Sektor zu verhindern,123 wurden nach und nach verschiedene Kurse zu staat-
lich anerkannten Invalidenkursen erklärt. Mit dem Besuch von anerkannten Schulun-
gen waren dann auch Gewerbebegünstigungen verbunden : So galt die in einer Invali-
denschule verbrachte Zeit wie die Zeit der Verwendung in einem Gewerbe, was dem
kriegsbeschädigten Absolventen den Gewerbeantritt nach der Ausbildung erleichtern
sollte.124 Auch die Beibringung eines Befähigungsnachweises, den manche konzessio-
121 K.k. Ministerium des Innern, Mitteilungen, 1916, S. 207.
122 Der Abgeordnete Max Winter wies Anfang 1918 in einer Sitzung des Abgeordnetenhauses eindring-
lich auf diese Probleme hin : „An den Nerven- und Lungenkranken wird von der Militärsanitätsverwal-
tung ungeheuerlich gesündigt“ ; Sten. Prot. AH RR, XXII. Session, 56. Sitzung v. 30.1.1918, S. 2960.
123 AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1360, 11941/1918, S. 18.
124 RGBl 1915/364, § 2 ; K.k. Ministerium des Innern, Mitteilungen, 1915, S. 62f.
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Die Wundes des Staates
- Subtitle
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Authors
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 586
- Categories
- Geschichte Nach 1918