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134 Invalidenschulung
den.133 Besonders hoch war der Prozentsatz der Umschulungen jedoch in Galizien,
wo er bei 93 % lag und wo die meisten Kriegsbeschädigten tatsächlich von einem
landwirtschaftlichen zu einem gewerblichen Beruf wechselten. Den Verantwortli-
chen war dies „nicht sympathisch“,134 auch weil es in Galizien dadurch am häufigsten
zu einer Überschreitung der Einjahresfrist bei der Nachbehandlung und Schulung
kam,135 doch sie versuchten, dieses den Prinzipien der Invalidenschulaktion eindeutig
zuwider laufende Faktum durch den Verweis auf den hohen Bedarf an Gewerbetrei-
benden in diesem Kronland zu entkräften.136 Gleichsam im Gegenzug kam es aber
zu einer Umkehr des Grundsatzes der Berufsbeibehaltung, wenn es darum ging, der
Landwirtschaft Arbeitskräfte zuzuführen : Wenn zuvor etwa in der Industrie tätig
gewesene Kriegsbeschädigte auf landwirtschaftliche Berufe umgeschult wurden, galt
dies als begrüßenswert. Jenseits ihrer Bedeutung für den einzelnen hatte die Invali-
denschulung dann auch eine allgemein-gesellschaftliche Funktion : Als Maßnahme
gegen die Landflucht sollte sie die entsprechend geschulten Kriegsbeschädigten an
die heimatliche Scholle binden137 und die Produktion des Bodens138 steigern helfen.
Bienenzuchtkurse für Kriegsbeschädigte wurden etwa mit dem Hinweis angepriesen,
dass sie auch der „Hebung und Verbreitung der Bienenzucht“139 dienen würden, und
die Tiroler Landeskommission entwickelte in ihrer Sorge über den Rückgang des
Bauernstandes ein eigenes Modell für „Handwerker, industrielle wie gewerbliche Ar-
beiter, ja zum Teil auch Schreiber, die die volle Erwerbsfähigkeit für ihren bisherigen
Beruf vermutlich nicht mehr erlangen werden“ :
„Bei entsprechender Schulung, entwickeltem Heimatsgefühl und Liebe zur Scholle könnten
solche sehr bald zu gesunden Kleinbauern erzogen werden, und in jeder Hinsicht vollwertig
ihrem neuen Berufsstande sich eingliedern. Ja bei entsprechender rationeller Schulung könn-
ten sie unseren konservativ und über aus extensiv wirtschaftenden Gebirgsbauern als Träger
rationeller intensiver Wirtschaft, sagen wir als Musterbauern sich zugesellen.“140
133 Errechnet aus einer Statistik für das 2. Halbjahr 1917 ; ebd., Kt. 1365, 5920/1919. Höherqualifizierung
in der eigenen Berufsbranche galt nicht als Umschulung.
134 K.k. Ministerium des Innern, Mitteilungen, 1917, S. 264.
135 AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1362, 17609/1918.
136 K.k. Ministerium des Innern, Mitteilungen, 1917, S. 264.
137 K.k. Ministerium des Innern, Mitteilungen, 1916, S. 81f.
138 K.k. Ministerium des Innern, Mitteilungen, 1917, S. 275.
139 K.k. Ministerium des Innern, Mitteilungen, 1916, S. 91.
140 AT-OeStA/AdR BMfsV Kb, Kt. 1362, 17402/1918, LK Innsbruck an MfsF v. 4.7.1918. Als notwendige
Vorgangsweise empfahl die Tiroler Landeskommission die Einrichtung von sechs bis acht vom Land
finanzierten Musterhöfen und die Einbürgerung rationellen Gemüsebaus. Bulgarische Gemüsegärtner,
„die auf dem ganzen Kontinent für die Wirtschaftsgärtnerei mustergiltig [sic], wenn nicht erste Autorität
Die Wundes des Staates
Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Die Wundes des Staates
- Subtitle
- Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914–1938
- Authors
- Verena Pawlowsky
- Harald Wendelin
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79598-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 586
- Categories
- Geschichte Nach 1918